Wer arm ist, stirbt eher?

Pressemitteilung vom 13.09.2006
Damit setzen sich z. B. die Wissenschaftler des gemeinsamen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie in Leipzig auseinander, der unter dem Motto "Medizintechnischer und soziodemographischer Wandel - Herausforderungen an die psychosoziale Medizin" steht.
Zeit 21. September 2006 bis 23. September 2006
Ort Carl-Ludwig-Institut der Universität Leipzig
Liebigstraße 27

"Unsere moderne Gesellschaft ist einem ständigen Wandel unterworfen, der sich vielerorts und ganz unterschiedlich abbildet.", sagt Prof. Dr. Elmar Brähler, Tagungspräsident und Leiter der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. "Einige Aspekte dieses Wandels stehen im Mittelpunkt des Kongresses."

Durch den demographischen Wandel in der Bevölkerung und aktuelle Migrationsprozesse kommt es u. a. zu neuen Anforderungen und Bedürfnissen in der Ärztin-Patienten-Beziehung; neue Entscheidungsmodelle sind erforderlich. Darüber hinaus muss auch die Wechselbeziehung von Krankheit und Familie berücksichtigt werden. Die Menschen werden älter, das Krankheitsspektrum verschiebt sich. Deshalb gilt es, rechtzeitig (neue) Ressourcen zu erschließen, um die Aufrechterhaltung der Lebensqualität im Alter zu unterstützen. Durch neue medizinische Verfahren, wie die Reproduktions- oder auch die Transplantationsmedizin, sowie durch die Diskussion um Sterbehilfe müssen Entscheidungskonflikte und Prozesse der Urteilsbildung stärker berücksichtigt werden. Struktureller, inhaltlicher und lokaler Wandel in der Arbeitswelt wirkt sich gesundheitlich aus; Themen wie Soziale Ungleichheit, Stigmatisierung, Prävention und Gesundheitsförderung rücken stärker in den Vordergrund. Durch Veränderungen im medizinischen System werden auch gesundheitsökonomische Aspekte immer wichtiger.

Die Tagung wird begleitet von einer öffentlichen Veranstaltung zu folgendem Thema:

"Was ist Medizin mit "Seele"?
Vortrag von Prof. Dr. Rolf Verres (Heidelberg)
Mittwoch, 20. September 2006, 19:00 Uhr
Uhr im Hörsaal des Carl-Ludwig Instituts, Liebigstraße 27

Der Eintritt ist frei!

Auf einer Pressekonferenz werden folgende Themen behandelt:

1. Altern ohne Krankheit eine Utopie?

Mit dieser Frage setzt sich Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey von der Charité Berlin auseinander. Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass unter rund 73.000 über 60-jährigen Versicherten einer Betriebskrankenkasse im Jahr 2000 72,8 Prozent regelmäßig ein Medikament verordnet bekamen, das der Behandlung einer chronischen Erkrankung dient. Kein Wunder, denn bei 89 Prozent aller neu Erkrankenden jenseits des 65. Lebensjahres handelt es sich um ein chronisches Leiden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie man im Alter dennoch bei guter Lebensqualität leben kann.

2. Wer arm ist, stirbt eher?

Eine aktuelle Analyse von Daten aus Deutschland ergab eine Differenz von knapp neun Jahren in der Lebenserwartung zwischen Personen mit einem niedrigen Einkommen und Personen mit einem hohen Einkommen. Woran liegt das? Werden arme Patienten schlechter behandelt? Oder sind sie einfach kränker, weil sie ungesünder leben? Damit setzt sich Prof. Dr. Olaf von dem Knesebeck aus dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf auseinander. Der Wissenschaftler hat sich beschäftigt mit sozialen Einflüsse auf Gesundheit und gesundheitliche Versorgung, internationalen Vergleichen dazu, Gesundheit im höheren Lebensalter.

3.Telemedizin - Ist Misstrauen angesagt?

Diagnose und Therapie aus der Ferne - das ist heute möglich mit Hilfe moderner technischer Verfahren und in einer zunehmenden Zahl von Fällen notwendig. Was bedeutet das für das Arzt-Patientenverhältnis? Dr. Silke Schmidt aus Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf weiß aus ihren Forschungen, dass viele Patienten dem mit Misstrauen begegnen. Sie fühlen sich nervöser als bei einem normalen Arztbesuch. Auch wollen viele Patienten den Zugang einiger spezieller Ärzte zu ihren persönlichen medizinischen Daten reduzieren, obwohl viele im Prinzip keine Bedenken gegen die Offenlegung ihrer Daten haben. Solche und ähnlich gelagerte Probleme sind bei der weiteren Entwicklung der Telemedizin unbedingt mit ins Kalkül zu ziehen.

4. Gute Pflege am Ende des Lebens ein unüberwindliches Problem?

Aus Gesprächen mit Sterbenden weiß man, dass ihren Bedürfnissen und Vorstellungen oft nicht entsprochen wird. Die Gründe sind vielfältig und zum größten Teil bekannt. Überlastete und überforderte Pflegekräfte und Angehörige, die hohe körperliche und emotionale Belastung, Missverständnisse und sicher der generelle Umgang unserer Gesellschaft mit dem Sterben und dem Tode. Prof. Dr. Joachim Wittkowski setzt sich mit dieser Frage auseinander und leitet auf dem Kongress eine Podiumsdiskussion zum Thema.

5. Haben Menschen mit unsicherem Arbeitsplatz mehr Stress als Arbeitslose?

Das bejaht jedenfalls eine Studie, die Prof. Elmar Brähler vorstellt. Jeder 3. Deutsche war schon mal arbeitslos, im Osten etwas mehr als im Westen. Die Verletzungen sitzen tief. Direkt und indirekt Betroffene können die damit verbundenen Ängste auch nach längerer Zeit nicht abschütteln, so dass die Sorge um den Arbeitsplatz zu erhöhtem Stress führt.