Therapeutische Lücken in der Arzneimitteltherapie bei Kindern und Jugendlichen

Pressemitteilung vom 11.09.2006
Eine Studie der Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche hat die Arzneimittelverordnung an Kindern untersucht, weil viele Medikamente nicht für den Gebrauch an Kindern getestet sind

Während dieser Studie wurden auf drei allgemeinpädiatrischen und intensivmedizinischen Stationen während eines Studienzeitraums von drei Monaten 480 Patientenaufnahmen verfolgt. Davon blieben 68 Patienten ohne medikamentöse Therapie, die restlichen Patienten erhielten insgesamt über 2.300 Medikamente verordnet. Im Schnitt wurden auf Normalstationen 3,6 Medikamente pro Patient verordnet, auf der neonatologischen Intensivstation waren es 9,9 Medikamente. Über 14 Prozent der auf der neonatologischen Intensivstation behandelten Kinder erhielten mehr als 20 Medikamente. Die meisten der verordneten Medikamente, darunter Paracetamol, Metimazol, Midazolam und Antibiotika, wurden bisher nicht in klinischen Studien an Kindern untersucht.

Häufig wird die Dosierung für Kindern anhand von Größe und Körpergewicht von den üblichen Dosen für Erwachsene heruntergerechnet. Doch man kann Kinder nicht wie kleine Erwachsene behandeln, denn ihr Körper arbeitet teilweise anders. So unterscheidet sich die Verstoffwechslung mancher Substanzen und die Reaktion des kindlichen Organismus auf Arzneien teilweise sehr von denen Erwachsener. Wie wirksam und sicher die Medikamente sind, kann man daher nicht genau bestimmen.

Ziel sind daher klinische Medikamentenstudien an Kindern. Um die Dringlichkeit festlegen zu können, welche Medikamente zuerst getestet werden müssen, sollen in einzelnen Kliniken in ganz Europa so genannte Prioritätenlisten ausgearbeitet werden. Die europäische Arzneimittelbehörde EMEA und das Pharmazentrum der Universität Basel haben bereits erste Prioritätenlisten erstellt.

Um durch klinische Studien gerade die medizinische Versorgung von Kindern zu verbessern, wurde 2002 das pädiatrische Netzwerk zur Arzneimittelentwicklung und -prüfung bei Kindern und Jugendlichen (PAED-NET) eingerichtet. An sechs Universitätsstandorten, darunter auch Leipzig als einzige Stadt in Ostdeutschland, wurden hierfür pädiatrische Module in bestehende Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKS) integriert. "Die europäische Arzneimittelbehörde EMEA hat einen Bedarf an klinischen Arzneimittelstudien im Kindesalter festgestellt. In den Modulen sollen diese Studien nun durchgeführt werden", so Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche.

Prof. Dr. Kiess wird die Ergebnisse der Leipziger Studie auf der 102. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin vorstellen, die vom 14. - 17. September in Mainz stattfindet.

Bettina Friedrich