Stimmliches Versagen vorprogrammiert?

Pressemitteilung vom 17.07.2006
Eine Studie der Universität Leipzig zeigte, dass 40 Prozent der zukünftigen Lehrer Stimmauffälligkeiten haben. 17 Prozent mussten ärztlich untersucht werden, 15 Prozent mussten behandelt werden. Sind Stimmtauglichkeitsuntersuchungen für Lehramtsanwärter die Lösung?

Wie der Maurer seine Kelle, braucht der Lehrer seine Stimme. Sie ist sein wichtigstes Werkzeug, um den Lehrstoff an den Mann, sprich die Schüler, zu bringen. Da ist es schon erschreckend, wenn von 5.357 untersuchten Lehramtsanwärtern aus zehn Bundesländern fast 40 Prozent stimmlich deutlich auffällig waren. Immerhin 17 Prozent fielen so aus dem Rahmen, dass sie zu einem Stimmarzt (Phoniater) geschickt werden mussten. Nur zwei Prozent schickte der wieder nach Hause, 15 Prozent mussten sich einer Behandlung unterziehen. 16 Prozent aller Probanden lispelten, einige stotterten, näselten oder polterten, selbst eine Lese-Rechtschreibschwäche trat auf.

Eine Bilanz, die zum Nachdenken anregt. Dr. phil. Siegrun Lemke, Leiterin des Bereiches Sprechwissenschaft/Sprecherziehung der Universität Leipzig, hat ausgehend von ihren alltäglichen Erfahrungen diese Studie initiiert und durchgeführt. Zudem arbeitet ihr Bereich seit Jahren mit der Abteilung für Stimm-, Sprach- und Hörstörungen der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Leipzig zusammen, um für die stimmlich auffälligen Lehrerstudenten eine angemessene medizinische und therapeutische Versorgung zu gewährleisten.

Der Phoniater Dr. med. Michael Fuchs dazu: "Nicht immer muss ja auf den Lehrerberuf verzichtet werden. Manchmal liegen einfach funktionelle Stimmstörungen vor, die bedingt sind durch ungünstige Stimmtechniken besonders dann, wenn die Stimme viel gefordert wird. Unbehandelt kann es aber auch zu sekundär organischen Veränderungen kommen. Manchmal allerdings liegt eine organische Fehlbildung vor, die man durch die beste Behandlung nicht ausgleichen kann."

Beide plädieren nun für eine stimmlich-sprecherische Überprüfung derjenigen, die Lehrer werden wollen, und halten weitergehende Beratung und Schulung für dringend geboten.

Die Wissenschaftler verglichen die Ergebnisse ihrer Studie mit Untersuchungen an Probanden, die 1975-1990 vor dem Lehrer-Studium eine Stimm-Tauglichkeitsuntersuchung und Sprecherziehung hatten. Hier traten deutlich weniger Sprechstörungen auf, nämlich nur bei 2,5 Prozent der Studienteilnehmer. "Auffälligkeiten in Atmung, Stimme und Aussprache traten nicht so ausgeprägt auf, so dass der Sprecherziehungsunterricht ausreichend war, sie abzubauen bzw. deutlich zu mindern.", resümierte Dr. Lemke.

Eine jüngst gegründete Arbeitsgruppe "Projekt Lehrerstimme" von Sprechwissenschaftlern und Medizinern will sich nun verstärkt dem Problem der belasteten Lehrerstimme widmen und sich für eine obligatorische sprecherzieherische Ausbildung der Lehrerstudenten und für eine Überprüfung der stimmlich sprecherischen Eignung aller Lehramtsanwärter einsetzen.

Eine Teilstudie zum Problem erschien jetzt unter der Autorenschaft von Dr. Siegrun Lemke in:
Sprache-Stimme-Gehör 2006; 30; 24.28, Georg-Thieme-Verlag Stuttgart-New York