Das schwierige "Wie geht es Ihnen?"

Pressemitteilung vom 14.07.2006
Leipziger Medizinstudierende trainieren mit Schauspielpatientinnen und -patienten das Gespräch

Eine alte Damen tritt ins Sprechzimmer, die junge Frau im weißen Kittel eilt ihr entgegen, legt ihr die Hand um die Schultern und begleitet sie zum Stuhl an ihrem Schreibtisch. Dann beginnt das Gespräch zwischen den beiden. "Kann ich Kalziumtabletten nach dem Verfallsdatum noch nehmen?" fragt die Ratsuchende. Schnell wird klar, dass die Patientin keine wirklichen Probleme hat, sondern nur mal die Nachfolgerin ihrer früheren Hausärztin kennen lernen möchte. Sie plappert ununterbrochen, erzählt von ihren Kindern und Enkeln und ihrem verstorbenen Mann. Manchmal versucht die junge Frau das Gespräch wieder auf die Gesundheit zu bringen, fragt ihr rund achtzigjähriges Gegenüber nach deren Medikamenten und gibt zu bedenken, dass man ja nicht vor Tabletten abhängig werden dürfe. Der Dialog zieht sich, dreht sich im Kreise ...

Alles nur Spiel, aufgezeichnet auf Video. Und doch viel mehr. Ausbildung, welche die Medizinstudierenden ins Schwitzen bringt. Seit zwei Jahren ist es an der Universität Leipzig, als der einzigen medizinischen Bildungsstätte der Bundesrepublik, für alle Studierenden Pflicht, sich innerhalb der Medizinischen Psychologie und Soziologie im dritten und vierten Semester ausschließlich mit Gesprächsführung zu befassen. Die Entwicklung dieser Leipziger Spezialität wurde möglich durch die neue Approbationsordnung für Mediziner, welche die Ausgestaltung des Curriculums den Fakultäten überlässt.

Der Studienabschnitt besteht vor allem aus zwei Elementen: dem Peer Assisted Learning (PAL/Lernen mit Tutoren) und dem Praktischen Training mit Schauspielpatienten. Beim PAL werden von den Tutoren, also Studierenden höherer Semester, in kleinen Gruppen Grundlagen der ärztlichen Gesprächsführung vermittelt und von den Studierenden im Rollenspiel geübt. Die Gespräche werden auf Video dokumentiert und anschließend ausgewertet.

Es folgen die Begegnungen mit den Patientenschauspielern, meist Mimen aus Leipziger Laiengruppen oder professionellen Theatern. "Das Konzept der Schauspielpatienten ist nicht ganz neu", erläutert Psychologe Dr. Oliver Decker, Unterrichtsbeauftragter der Selbstständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. "Im angloamerikanischen Ausbildungssystem werden sie schon seit einigen Jahrzehnten eingesetzt, seit einiger Zeit auch in Reformstudiengängen wie z. B. in Berlin. Aber nur bei uns ist es fester Studienbestandteil für alle künftigen Ärzte. Ein Vorteil des Einsatzes von Schauspielpatienten ist es, dass diese nach dem Gespräch in der Lage sind, den Studierenden ein Feedback über das Gespräch zu geben. Ein echter Patient ist häufig abhängig vom Arzt und daher nicht so kritikfähig."

Was ist es aber, was das Gespräch mit dem Patienten so kompliziert macht und was die Studenten systematisch lernen müssen? Katrin Rockenbauch, Dr. Yve Stöbel-Richter und Dr. Oliver Decker haben dazu kürzlich das Buch "Kompetent kommunizieren in Klinik und Praxis" in Druck gegeben, das sich speziell diesem Thema widmet. "Im Sprechzimmer oder am Krankenbett muss neben sachlichen Informationen über die Erkrankung immer eine Beziehung zwischen Arzt und Patient aufgebaut werden", erläutert Katrin Rockenbauch. "Dabei spielt es auch eine Rolle, wie der Arzt auf den Patienten wirkt und umgekehrt - der Patient auf den Arzt. Deshalb legen wir in unsren Gesprächsführungskursen auch darauf Wert, dass sich die Studierenden selbst im Gespräch erleben und beispielsweise bemerken: Warum gerate ich in einen bestimmten Tonfall? Warum baue ich eine Sympathie oder Antipathie auf? Klingt das Gespräch möglicherweise wie eine Enkel-und-Oma-Plauderei? Der Schwerpunkt der Rollen unserer Schauspielpatienten liegt daher auch nicht auf Krankheitsbildern, sondern darauf, mit der jeweiligen Person in Kontakt zu kommen. Die Studierenden werden beispielsweise mit einem von Rückenschmerzen Geplagten konfrontiert, dem sie keine Massagen verschreiben dürfen, sondern ihn von der Notwendigkeit von Gymnastik überzeugen müssen. Keine leichte Aufgabe."

Erst am Ende des Ausbildungsabschnittes begegnen die Lernenden auch echten Patienten, zum Beispiel einem chronisch Kranken. Hierzu wurden Kooperationen mit den verschiedenen Kliniken der Universität aufgebaut, wie der Chirurgischen Klinik, der Inneren Medizin oder der Frauenklinik. So treffen die Studierenden Patienten, die auf eine Nieren- oder Lebertransplantation warten. "Hier sind die jungen Leute sehr gefordert", erläutert Decker. "Wie spricht man mit einer Patientin, die weint: Hat sie Angst vor dem Versagen der implantierten Niere? Oder ist sie erleichtert, weil alles so gut geklappt hat?"

Da ist der Fall der alten Dame mit den Kalziumtabletten noch relativ undramatisch. Zu diskutieren gibt es am Ende der Spielszene dennoch vieles: Muss man eine alte Dame am Arm zum Stuhl geleiten? Wie kann man ein Gespräch zielorientiert führen, ohne dass es sich im Kreis dreht und beide aneinander vorbeireden. Sollte man, wenn eine Achtzigjährige Kalziumtabletten einnimmt, tatsächlich vor Tablettenabhängigkeit warnen?

Die Studentin jedenfalls ist froh, den Sprechzimmertisch erst einmal wieder verlassen zu können.

Mehr dazu in:
K. Rockenbauch, O. Decker, Y. Stöbel-Richter (Hrsg.). Kompetent Kommunizieren in Klinik und Praxis. Lengerich: Pabst Science Publishers.
ISBN 3-899673301; 25,- Euro

Marlis Heinz