Flügge auch mit kranken Flügeln

Pressemitteilung vom 16.06.2006
Forum "Loslassen und Festhalten - (k)ein Thema für Eltern mit behinderten und chronisch kranken Kindern?" an der Uni-KinderklinikDer Vormittag ist für Vorträge, der Nachmittag für den Gedankenaustausch in Gesprächskreisen vorgesehen. Die Teilnahmegebühr beträgt 15,- Euro. Unter 030 32104252 wird um eine telefonische Voranmeldung gebeten.
Zeit 23. Juni 2006, 10:00 Uhr bis 16:30 Uhr
Ort Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche
Hörsaal
Oststraße 21-25

Alle Eltern (fast) erwachsener Kinder kennen ihn, den komplizierten Prozess des Abnabelns. Doch um noch vieles problematischer gestaltet sich dieser Abschnitt in Familien, die behinderte oder chronisch kranke Kinder großgezogen haben. Deshalb widmet sich eine Veranstaltung an der Leipziger Universitäts-Kinderklinik dieser Thematik.

Prof. Andreas Merkenschlager, der an der Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche die Abteilung für Neuropädiatrie und klinische Neurophysiologie leitet, und diese Veranstaltung des Epilepsie Bundes-Elternverbandes organisiert, kennt die Problematik vor allem aus der Perspektive der Familien mit nervenkranken Kindern. "Doch ich weiß, dass sie sich bei anderen Handicaps nicht wesentlich anders darstellt. Insofern laden wir auch die Eltern körperlich und geistig behinderter Jungendlicher, die von jungen Leuten mit Stoffwechsel- und allen anderen chronischen Krankheiten herzlich ein."

Und diese Bedenken sind nicht grundlos ...

Selbst das gesunde Kind lassen Eltern nicht gänzlich ohne Bedenken ins eigene Leben gehen. Doch sobald jedoch Krankheiten und Behinderungen die zurückliegenden Jahre geprägt haben, kommt auf den Berg aus Konflikten und unbeantwortbaren Fragen, aus vermeintlichen Risiken und Unwägbarkeiten noch ein gewaltiger Gipfel drauf. "Und diese Bedenken sind nicht grundlos", nimmt Merkenschlager die scheinbar überbesorgten Eltern in Schutz. "Wer eine Kindheit lang eine an Verzicht reiche Diät einhalten musste, wen regelmäßige Physiotherapiebehandlungen und Arztbesuche langweilten oder wer nach der Uhr Medikamente einzunehmen hatte, der sehnt sich danach, alle diese Fesseln zu durchbrechen. Die jungen Leute wollen wie alle ihre Altersgefährten mal die Nacht durchfeiern, Motorrad fahren, Ummengen Süßes essen oder endlich nach Alkohol greifen".

Das ahnen die Mütter und Väter und fürchten einem massiven Rückschlag im Gesundheitszustand ihrer Kinder. Bleibt die Suche nach Möglichkeiten, einem wirklich gefährlichen Über-die-Stränge-Schlagen entgegenzuwirken. Experten sehen die vor allem in einem noch im Elternhaus stattfindenden Training der Verantwortung für die eigene Gesundheit. Hinzu kommt die Suche nach Lebensformen, die irgendwo zwischen der Geborgenheit der Familie und der absoluten Selbständigkeit liegen. In diesem Zusammenhang geht es darum, die Familien mit den Möglichkeiten betreuten Wohnens bekannt zu machen, bei denen ja mitunter sogar die Eltern als Betreuer eingesetzt werden können. Weitere Wegweiser setzen der Kontakt zu Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen.

Ausbildung und beruflicher Start des Kindes ...

Eine andere Thematik, die viele Familien bewegt, ist die Ausbildung und der berufliche Start des Kindes. "Zumeist ist das relativ gut vorbereitet worden und der Gesetzgeber schützt die behinderten Jugendlichen vor manchen Turbulenzen des Arbeitsmarktes. Problematisch wird die Sache jedoch, sobald sich der Gesundheitszustand - möglicherweise durch eigenes Verschulden - so deutlich verschlechtert, dass Ausbildung oder Arbeitsverhältnis dadurch gefährdet sind", erläutert Merkenschlager.

Aber auch über sich selbst müssen die Eltern - mehr als die mit gesunden Kindern - in dieser Situation nachdenken. Wenn es über viele Jahre die Lebensaufgabe war, das gehandicapte Kind zu betreuen, wenn berufliche Ambitionen, Hobbys oder Freundschaften dieser Aufgabe geopfert worden, dann fällt es schwer, den bisherigen Lebensmittelpunkt klaglos herzugegeben. Auch den Eltern raten die Experten in dieser Situation zu langsamen Schritten in die zurückgewonnene Unabhängigkeit - ihrem Kind zuliebe.

"Wir wollen nicht die Abnabelung um jeden Preis", so Merkenschlager. "Mit geistig behinderten Kindern wird man andere, weniger endgültige Wege gehen als beispielsweise mit Körperbehinderten oder Diabetikern. Aber fest steht, dass das selbständige Leben des jungen Menschen in jedem Fall so weit wie möglich angestrebt werden sollte."

Marlis Heinz