Gliptine - Eine neue Therapieoption beim Typ-2-Diabetes

Pressemitteilung vom 24.05.2006
Von der 41. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) in Leipzig: Nach dem jetzigen Stand der Forschung scheinen sogenannte Gliptine klinisch wirkungsvoll und weitgehend nebenwirkungsfrei zu sein. Ihr Einsatz bei Typ-2-Diabetikern wird u. a. davon abhängen, ob sich die ersten klinischen Ergebnisse auch in Langzeitstudien bestätigen.
Zeit 24. Mai 2006 bis 27. Mai 2006
Ort Congress Center Leipzig
Messe-Allee 1

Typ-2-Diabetes ist eine Erkrankung mit sehr vielschichtigen Ursachen. Vereinfacht dargestellt müssen fehlende Insulinwirkung (= Insulinresistenz) an Muskel und Leber und abfallende Insulinsekretion aus der ß-Zelle zusammentreffen, damit der Blutzucker ansteigt. Könnte nämlich die ß-Zelle der Bauchspeicheldrüse ausreichend viel Insulin nachliefern, wäre die Insulinresistenz, die ja auch bei den meisten übergewichtigen Menschen vorliegt, überwindbar. Damit ist also ein kritisches Unterschreiten der ß-Zell-Leistung entscheidend für den Anstieg des Nüchternblutzuckers.

Folgerichtig wird schon seit langem nach Möglichkeiten gesucht, nicht nur akut die Sekretion von Insulin zu steigern, sondern auch mittel- und langfristig den Erhalt und möglicherweise sogar die Regeneration von ß-Zellen günstig zu beeinflussen. Erstaunlicherweise produziert der Körper selbst Hormone, die sogenannten Inkretinhormone, die solch günstige Effekte auf die ß-Zelle ausüben. Sie werden aus den K-Zellen des Dünndarms in die Blutbahn freigesetzt und ein wichtiger Vertreter ist das Glucagon-like-peptide-1 (GLP-1). Gabe von GLP-1 steigert die Insulinsekretion aus der ß-Zelle. Das überaus charmante dabei ist, dass GPL-1 nur in einem hyperglykämischen Blutzuckerbereich wirkt, nicht aber bei normalem oder niedrigem Blutzucker. Dies minimiert die Gefahr von gefährlichen Unterzuckerungen. Im Gegensatz zu den seit Jahrzehnten bekannten und vielfach verwendeten Sulfonylharnstoffen, führt GLP-1 nicht zu einer Insulinverarmung und weiteren Verstärkung der Fehlfunktion der ß-Zellen, sondern verlängert die Lebensdauer der körpereigenen ß-Zellen und regt möglicherweise sogar ein gewisses Nachwachsen an. Unglücklicherweise kann man aber GLP-1 selbst nicht als Medikament verwenden, da es im Plasma nur eine Halbwertszeit von 1 - 2 Minuten besitzt und entweder sofort abgebaut würde oder laufend infundiert werden müsste, was beides nicht wirklich praktikabel ist. Schuld an dieser kurzen Halbwertszeit des GLP-1 ist das Enzym Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4), welches GLP-1 im Blut sofort inaktiviert.

Zwei Tricks nun haben sich die Pharmakologen überlegt um dieses Problem zu umschiffen. Zum einen wurde ein nichtabbaubares strukturverwandtes Molekül entdeckt, dass als Exenatide bereits im amerikanischen Markt zur Verfügung steht. Es wurde ursprünglich im Speichel des Gila-Monsters, einer giftigen Eidechse aus dem südlichen Arizona, gefunden. Die zweite Möglichkeit ist, die Hemmung dieses abbauenden Enzyms durch sogenannte DPP-4 Inhibitoren. Zu diesen Substanzen gehören z. B. Vildagliptin (Fa. Novartis) oder Sitagliptin (Fa. Merck), die in den nächsten ein bis zwei Jahren Marktreife haben werden. Diese"Gliptine" senken effektiv den Blutzucker, erhöhen bei Bedarf den Insulinspiegel, schützen die ß-Zelle vor einem weiteren Funktionsverlust und gehen nicht mit Gewichtszunahme einher, ein Problem, das bei vielen anderen Diabetesmedikamenten beobachtet wird. Nach dem jetzigen Stand der Forschung scheinen die Gliptine auch klinisch wirkungsvoll und weitgehend nebenwirkungsfrei zu sein. Ihr Einsatz bei Typ-2-Diabetikern wird u. a. davon abhängen, ob sich die ersten klinischen Ergebnisse auch in Langzeitstudien bestätigen und ob man vielleicht Untergruppen findet, die besonders von Gliptinen profitieren. Denkbar ist sogar der Einsatz von Gliptinen in der Diabetesprävention.