Die Augenblicke vor der Katastrophe

Pressemitteilung vom 20.04.2006
Universität Leipzig speist Informationen zu Kinderunfällen künftig in internationale Datenbank ein

Jährlich verletzen sich in Deutschland 1,7 Millionen Kinder so schwer, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Rund 210.000 Mädchen und Jungen zwingt der Unfall zu einem Krankenhausaufenthalt. Betroffen sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder. Die Häufigkeit von Unfällen mit schweren Verletzungen oder tödlichem Ausgang nimmt in dieser Altersgruppe seit Jahren sogar stark zu. Um diesen Trend zu analysieren und ihm entgegenzuwirken, arbeitet die Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie der Universität Leipzig jetzt an einer Datenerhebung zu Kinderunfällen mit.

Der Unfall ist bei Säuglingen und Kleinkindern die häufigste Todesursache

Im Jahr 1993 wurden etwa 16 von 1.000 Kindern quer durch alle Altersgruppen wegen eines Unfalls stationär im Krankenhaus behandelt. Diese Quote ist auch im Jahre 2004 relativ unverändert, lediglich die Anzahl der 5- bis 14-jährigen Unfallopfer sank geringfügig. Der Anteil der 1- bis 4-jährigen Unfallopfer jedoch stieg von 16 auf 19 von 1.000 Kindern. Schlimmer noch: Bei den Säuglingen wurden mehr als 26 von 1.000 Kindern als Opfer eines Unfalls ins Krankenhaus aufgenommen. Noch immer ist der Unfall bei Säuglingen und Kleinkindern die häufigste Todesursache. "Das ist eine besorgniserregende Entwicklung", so Prof. Holger Till, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie. "Und dabei wären die meisten Unglücke, vor allem viele Stürze vom Wickeltisch oder die Verbrühungen sowie Vergiftungen zu vermeiden gewesen, hätten die Erwachsenen die Welt mit den Augen der Kinder gesehen. Die Augenblicke vor der Katastrophe sind meist geprägt von Neugier."

Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, hatte das Zentrum für Kindermedizin kürzlich zu einer Veranstaltung unter dem Titel "Kinderunfälle gehen jeden an" eingeladen. Unter den Referenten war Dr. Gabriele Ellsäßer, Leiterin der Arbeitsgruppe "Epidemiologie, Evaluation und Gesundheitsberichterstattung" der Bundesarbeitsgemeinschaft "Mehr Sicherheit für Kinder" e.V. Sie stellte ihre Statistiken vor, die mit den Erfahrungen der Leipziger Klinik für Kinderchirurgie übereinstimmen, die jährlich 5.800 Unfallpatienten behandelt und 520 stationär aufnimmt.

Unfallrisiken sind alterstypisch

Die Unfallrisiken sind entsprechend der Entwicklung des Kindes und seinem zunehmendem Aktionsradius alterstypisch und haben sich seit Jahren nicht geändert. Ersticken und Stürze sind die beiden häufigsten tödlichen Unfallarten im Säuglingsalter, während im Kleinkindalter das Ertrinken an erster Stelle steht, gefolgt von tödlichen Unfällen durch Wohnungsbrände. Erst im Grundschulter sind tödliche Unfälle im Straßenverkehr am häufigsten und ab 10 Jahren solche mit dem Fahrrad. Eine der wenigen positiven Tendenzen: Die Zahl der im Straßenverkehr schwer verletzten Kinder ist seit Jahren stabil rückläufig.

Eintrag in die Europäische Unfalldatenbank

Um die Datenlage zu Kinderunfällen, die vor allem in Deutschland noch lückenhaft ist, zu verbessern, will sich jetzt auch die Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie der Universität Leipzig mit der Europäische Unfalldatenbank (European Injury Database, kurz IDB) verknüpfen. Diese Datenbank bietet einen zentralen Zugang zu Unfallberichten, die viele Mitgliedsstaaten der EU in Krankenhäusern sammeln. "Nur wenn man Genaues über Unfallursachen und -folgen weiß, wenn die Daten produkt- und bevölkerungsbezogen und für alle Verletzungsbereiche zusammengetragen werden, kann man Politik und Gesundheitsmanagement mit konkreter Kritik und Verbesserungsvorschlägen konfrontieren", so Till. Gleichzeitig betont der Kinderchirurg: "Aber auch wenn neue Normen und Gesetze hier und da weiterhelfen würden, die Hauptverantwortung tragen die Familien. Es ist unmöglich, kleine Kinder für die Welt der Erwachsenen zurechtzustutzen. Die Welt der Erwachsenen, also vor allem die Wohnung mit all ihren Gefahren, muss kindgerecht gemacht werden. Ein Beispiel soll genügen: "Mit einer Tasse heißem Kaffee, kann sich ein Kind bis zu einem Drittel seiner Körperoberfläche verbrühen."

Marlis Heinz