Von Aderlass bis Zahnziehen

Pressemitteilung vom 23.03.2006
Am 1. April diesen Jahres wird das Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 100 Jahre alt. Diese Einrichtung an der Universität Leipzig ist weltweit das erste Institut für Geschichte der Medizin.

Veranlasst wurde sein Entstehen durch eine Stiftung: Die wohlhabende Witwe des Wiener Medizinhistorikers Theodor Puschmann, Marie Caroline Cäcilie Puschmann, hatte einen Großteil ihres Vermögens der Universität Leipzig vermacht. Nach einem längeren Rechtsstreit mit der Familie der Erblasserin fielen im Mai 1903 schließlich 500.000 Mark an die Universität, und zwar speziell zur "Förderung wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte der Medizin". Da es sich um ein neues Fach handelte, gab es einiges universitätsinternes Hin und Her bezüglich der Frage, an welcher Fakultät die Medizingeschichte verankert werden sollte. Es dauerte deshalb über ein Jahr, bis vom akademischen Senat die relativ allgemein gehaltenen "Vorschriften für die Puschmann-Stiftung bei der Universität Leipzig" beschlossen wurden. Sie enthielten die salomonische Lösung, dass ein interdisziplinäres Kuratorium die Zinsen aus dem Stiftungskapital zweckgebunden verwalten sollte; das Kapital aber blieb unangetastet - ein Fehler, wie sich in den Inflationsjahren herausstellte.

Der damalige Dekan der Medizinischen Fakultät, der Internist Heinrich Curschmann, nahm im Frühjahr 1905 Kontakt mit Karl Sudhoff auf, dem damals renommiertesten Medizinhistoriker. Zwar zögerte Sudhoff bei der Entscheidung, seine bisheriges Hobby zum Beruf zu machen, gab aber schließlich doch seine lukrative Praxis in Hochdahl bei Düsseldorf auf, um als relativ gering bezahlter Extraordinarius Gründungsdirektor des neuen Leipziger Instituts zu werden.

Nach heutiger Terminologie handelte es sich um ein weitgehend privat finanziertes "An-Institut", dem die Universität nur die Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Sudhoff hatte so den Freiraum, nach seinen Interessen zu forschen und zu publizieren, was er auch intensiv tat. Von allen Direktoren kann Sudhoff mit Abstand auf das umfassendste Lebenswerk verweisen. Mit den Mitteln der Stiftung erwarb Karl Sudhoff (1853-1938) die ersten Exponate der Sammlung, die vor allem als Hilfsmittel für die Lehrtätigkeit angesehen wurden. Seine Nachfolger Henry Ernest Sigerist (1891-1957) und Walter von Brunn (1876-1952) erweiterten - oft mit eigenen finanziellen Mitteln - die Bestände.

Heute wird das Karl-Sudhoff-Institut von Prof. Ortrun Riha geleitet, deren Arbeitsgebiete die Medizin im Mittelalter, Medizin und Literatur; Frau und Medizin; sowie Ethik in der Medizin sind. Unter ihrem Leitung werden die Bestände gerade neu katalogisiert und bewertet. Außerdem konnten sie durch einige ausgewählte Stücke ergänzt werden.

Die eigentliche Sammlung - von der Öffentlichkeit nur in gelegentlichen Sonderausstellungen zu bestaunen - wird von den gegenständlichen Sachzeugen den letzten Jahrzehnten des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmt; teilweise sind sie aber bis in das 16. Jahrhundert zurückzudatieren. Dabei handelt es sich überwiegend um ärztliche Instrumente und Geräte: chirurgische Bestecke, Amputations- und Trepanationsbestecke oder Gerätschaften zum Schröpfen und Aderlassen, Instrumente aus der Gynäkologie und Geburtshilfe, der Zahnmedizin, der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und der Augenheilkunde, elektrische Geräte zur Selbstbehandlung, Gegenstände aus der Geschichte der Labordiagnostik, Endoskope, Zystoskope… Sudhoff bemühte sich sogar um antike ärztliche Instrumente aus der römischen Kaiserzeit, die er in Form von Nachbildungen aus Museen in Neapel und Mainz erwerben konnte.

Ein außergewöhnlicher Bestandteil der rund 5.000 Exemplare umfassenden Sammlung sind die Wachsvotive. Vermutlich sind die Figürchen aus dem 19. Jahrhundert durch die Reise eines Institutsdirektors in den süddeutschen Raum an die Universität gekommen. Einst legten Kranke die Figürchen auf den Altar, baten um Gesundheit oder dankten für die Heilung. In der Regel wurde das schmerzende Organ abgebildet. Wo eindeutig Organe zu erkennen sind, also beispielsweise das Augenpaar, das Bein, die Hoden, das Herz oder die Hand, ist der Bittende an diesen Körperteilen erkrankt. Das 'Lungel', also ein Stück aus Luftröhre und Lungenflügeln, steht stellvertretend für alle inneren Organe. Wickelkinder wurden besonders in Zeiten hoher Kindersterblichkeit auf den Altar gelegt, um das Ungeborene oder den Säugling zu schützen.

Wenn die Universität das Jubiläum des Karl-Sudhoff-Instituts feiert, dann auch in dem Bewusstsein, dass von Leipzig aus die Institutionalisierung eines Faches ihren Ausgang nahm, das heute an jeder medizinischen Fakultät Deutschlands selbstverständlich ist. International wurde nach dem Vorbild des Leipziger Instituts 1928 ein Schwesterinstitut an der John Hopkins.Universität in Baltimore eingerichtet.

mhz