Eingreifen, noch ehe der Polyp zu Darmkrebs wird

Pressemitteilung vom 10.03.2006
Leipziger Experten laden zum öffentlichen Forum unter dem Motto "Bösartige Erkrankungen des Dickdarms und Enddarms". Die sich den Vorträgen anschließende Diskussion leiten Prof. Joachim Mössner, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II der Universität Leipzig, und Prof. Thomas Möller, Chefarzt am Evangelischen Diakonissenkrankenhaus Leipzig.
Zeit 17. März 2006, 17:00 Uhr bis 19:00 Uhr
Ort Hörsaal des Zentrums für Innere Medizin
der Universität Leipzig
Johannisallee 32

Jahr für Jahr erkranken in Deutschland rund 57.000 Menschen an Darmkrebs, etwa 30.000 sterben an dieser Krankheit. Dabei wäre das zu verhindern gewesen, würde man die Vorstufen des Krebses rechtzeitig erkennen. Um immer wieder auf diese ungenutzte Chance aufmerksam zu machen, erklärt die vom Felix-Burda-Verlag etabliere Stiftung "Lebensblicke" jährlich den März zum "Darmkrebsmonat". Anlass für ein Gespräch mit KLinikchef Prof. Dr. med. Joachim Mössner, Experte für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen.

Sie engagieren sich als Fortbildungsbeauftragter im Freistaat Sachsen für die Stiftung und auch für den Darmkrebsmonat. Ist es nicht frustrierend, alle Jahre wieder mit denselben Argumenten für dieselbe Untersuchung zu werben?

Es gibt keinen anderen Weg, als diesen Krebs rechtzeitig aufzuspüren. Und also sind wir verpflichtet, die Dramatik der Krankheit und die Chancen sie zu verhindern oder zu heilen immer wieder darzustellen. Gegen alle Ignoranz. Deshalb laden Leipziger Gastroenterologen, also Magen-und-Darm-Spezialisten, auch für den 17. März zum öffentlichen Diskussionsforum über bösartige Erkrankungen des Darms an die Universität Leipzig.

Warum kämpfen die Mediziner gerade beim Darmkrebs so beharrlich darum, dass Vorsorgeuntersuchungen genutzt werden?

Darmkrebs ist der zweithäufigste bösartige Tumor bei Frauen und Männern. Aber er hat gegenüber vielen anderen Krebsformen einen entscheidenden Vorteil: Etwa 90 Prozent der Darmkrebserkrankungen entwickeln sich aus zunächst gutartigen Polypen. Die Existenz einer solchen erkennbaren und leicht zu beseitigenden Vorform ist eine unglaubliche Chance. Aber nur 20 Prozent der Männer und nicht die Hälfte der Frauen nutzen sie, indem sie sich auf diese Polypen hin untersuchen lassen. Ein derzeit bei uns entstehende Doktorarbeit wird belegen, was wir schon immer befürchteten: Von den Patienten, die wegen Darmkrebs operiert werden, waren die wenigsten jemals bei einer Vorsorgeuntersuchung. Wir wollen aber erreichen, dass durch intensivere Nutzung dieser Möglichkeit die Sterblichkeit um 50 Prozent gesenkt wird. Das wären pro Jahr 15.000 gerettete Menschenleben.

Bei welchen Menschen ist das Risiko, dass anfangs harmlose Darmpolypen zu Krebsgewebe mutieren besonders groß?

Vor allem Menschen ab dem 50. Lebensjahr erkranken an dieser schleichenden und gefährlichen Krankheit. Das höhere Alter ist also ein wichtiger Risikofaktor. Deshalb bezahlen ja die Kassen dieser Generation die entsprechenden Untersuchungen auch ohne konkrete Verdachtsmomente als reine Vorsorge. Aber auch junge Menschen kann es treffen. Experten gehen davon aus, dass etwa dreißig Prozent der Darmkrebserkrankungen auf ein familiäres Risiko zurückgehen. Erwiesen ist auch, dass Übergewicht, mangelnde Bewegung und ballaststoffarme Ernährung die Gefahr erhöhen. Studien haben allerdings erweisen, dass wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, also wenn die ersten Polypen entstanden sind, auch Ernährungsumstellung und sportliche Aktivitäten das Risiko der Neubildung nicht wieder reduzieren. Das ist zum Beispiel anders als beim Herzinfarkt, wo die Hinwendung zu einer gesunden Lebensweise die Gefahr erneuter Probleme schrumpfen lässt.

Welche Untersuchungsmethoden gibt es zurzeit? Welche ist die beste?

Zur Früherkennung gibt es mehrere Wege. Einerseits wird der in ein Labor eingeschickte Stuhl untersucht, ob mit bloßem Auge nicht sichtbares Blut auf aufgerissene Polypen schließen lässt. Da aber diese Schleimhautausstülpungen nicht immer bluten, kann durch diesen Test nur ein reichliches Viertel der Polypen aufgespürt werden. Diese Untersuchungen werden ab dem 50. Lebensjahr von den Kassen finanziert. Aber auch für Selbstzahler geht es um einen eher geringen Betrag.
Der sicherste Weg ist jedoch nach wie vor die Koloskopie, die Darmspiegelung. Die Krankenkassen bezahlen diese, wenn nicht schon vorher Gründe zu dieser Untersuchung gegeben sind, ab dem 56. Geburtstag und dann noch einmal zehn Jahre später. Bei dieser Untersuchung wird - nach einer gründlichen Darmreinigung durch Abführmittel - ein biegsames dünnes Endoskop mit einer Mikrokamera in den Körper eingeführt. Dabei werden Bilder aus dem Inneren auf einen Bildschirm übertragen. Der Arzt kann wie bei einem Tauchgang durch alle Windungen des Darmes sowohl Schleimhautausstülpungen als auch Entzündungen sehen. Gleichzeitig könnten - und das ich der wichtigste Vorteil dieser Methode - durch eine kleine Schlinge vorhandene Polypen sofort schmerzlos gekappt werden.

Gelegentlich ist die Kolografie im Gespräch, die dem Patienten das Einführen des Endoskops erspart. Warum löst diese Methode die Koloskopie nicht ab?

Die Kolografie ist eine als Computertomografie oder Magnetresonanztomografie durchgeführte virtuelle Darmuntersuchung. Momentan kommt die Technik hier gut voran, die Genauigkeit der Befunde kann sich mit denen der Koloskopie nahezu messen. Ich sehe die Kolografie allerdings noch nicht als echte Alternative zur bisherigen Methode, denn noch verlangt auch dieses bildgebende Verfahren die völlige Reinigung des Darmes. Erst wenn einmal der Computer im gefüllten Darm Polypen sicher von Stuhl unterscheiden kann, ist er einen Schritt voraus. Eines allerdings wird der in den Darm schauende Computer nie können: Die entdeckten Polypen auch sofort entfernen. Beim geringsten Zweifel werden wir also dann doch noch zu Endoskop und Schlinge greifen.

Marlis Heinz