Rheuma ist keine Krankheit, sondern ein Symptom

Pressemitteilung vom 02.02.2006
Workshop Rheumatologie stellt interdisziplinäres Herangehen in den Vordergrund. Ergebnis einer interdisziplinären Studie: Betroffene Patienten noch intensiver und vor allem wesentlich früher als bisher mit allen Behandlungsverfahren zu behandeln, welche für die Therapie von entzündlichen Prozessen bei Rheumapatienten zugelassen sind.
Zeit 04. Februar 2006
Ort Hörsaal des Zentrums für Innere Medizin
Johannisallee 32

Wenn die Gelenke mal mehr und mal weniger Schmerzen, scheint dem Laien schnell klar: Das ist Rheuma. Er quält sich damit oder geht zum Hausarzt und fordert schleunigst helfende Medikamente gegen diese Krankheit. "Rheuma ist aber keine Krankheit, sondern ein Symptom", korrigiert Prof. Holm Häntzschel, 1. Sprecher des Rheumazentrums e.V. am Universitätsklinikum Leipzig und Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV. "Das aus dem griechischen stammende Wort Rheuma bedeutet soviel wie der fließende, der wanderende Schmerz. Wenn ein Patient zu uns kommt und meint, er habe Rheuma, dann bleibt nur, ihm zu entgegnen: 'Es gibt 1001 Ursache für rheumatische Schmerzen, und nur eine davon ist z. B. der chronische Gelenkrheumatismus.' Und welche Ursache bzw. Erkrankung dieses Symptom beim konkreten Patienten auslöst, muss dann herausgefunden werden.

"Es wäre fatal, einen Tumor zu übersehen"

Neben den klassischen und klar definierten Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises gibt es Stoffwechselerkrankungen wie die Gicht, endokrinologische Erkrankungen wie Schilddrüsenüber- oder unterfunktion, gastroenterologische Erkrankungen und besonders auch onkologische Erkrankungen, welche mit Beschwerden in der Muskulatur, den- Gelenken und des Knochens einhergehen und nicht selten rheumatische Erkrankungen imitieren. Die sogenannten paraneoplastischen Erkrankungen erforden deshalb besonders bei älteren Patienten eine besondere Aufmerksamkeit. Es wäre fatal, unter dem Symptom Rheuma mit Muskel- und Skelettschmerzen die Diagnose eines soliden Tumors oder einer hämatologisch-onkologischen Erkrankung zu übersehen-und damit die Chance für eine Frühdiagnose und Frühtherapie zu vergeben.

Bakterielle und virale Erkrankungen gehen nicht selten mit infektiösen bzw. infektreaktiven Gelenk-, Schleimbeutel- bzw. Sehnenscheidenentzündungen einher.
Die auf dem Boden einer Autoimmunität entstehenden rheumatischen Erkrankungen wie Lupus erythematodes beziehen schon zu Beginn oder im weiteren Verlauf verschiedenste Organe bzw. Organsysteme wie Herz, Lunge, Nieren, Nervensystem, Haut, Leber, Magen-Darm ein und erfordern deshalb eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Letztlich beziehen die entzündlich rheumatischen Erkrankungen wie Gelenkrheumatismus und Morbus Bechterew Gelenke und die Wirbelsäule, beonders auch die Halswirbelsäule ein. Glücklicherweise haben wir am Universitätsklinikum für diese Patienten im Gebiet Chirurgie die Schwerpunkte Neurochirurgie, Traumatologie und Orthopädie als Partner im Rheumazentrum."

Von der Haut bis zur mikrobiologischen Diagnostik

Der Workshop Rheumatologie, zu dem das Rheumazentrum niedergelassene und klinisch tätige Ärzte aller Gebiete der Medizin einlädt, soll Themen aus interdisziplinärer Sicht darstellen. Das "Immunorgan Haut" spielt ebenso eine Rolle wie die "Mikrobiologische Diagnostik bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen", das Zusammenspiel von "Rheuma und Leber" ebenso wie das von "Rheuma und Darm". Häntzschel wird über das kardiovaskuläre, also Herz und Gefäße betreffende Risiko bei Rheuma sprechen.

"Seit 1986 ist durch epidemiologische Untersuchungen amerikanischer Rheumatologen bekannt, dass Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie Rheumatoide Arthritis (chronischer Gelenkrheumatismus) oder mit autoimmunologischen Erkrankungen wie Lupus erythematodes bei anhaltender Aktivität ihrer Erkrankung nach Jahren der Krankheitsdauer leider eine erhöhte Sterblichkeit gezeigt haben", so Häntzschel. "Die Ursachen dafür sind nach den Ergebnissen der letzten Jahre eine Beteiligung des Herz-Kreislauf-Systems."

Herzinfarkt durch Rheuma?

Die anhaltende Entzündungsaktivität führt zunächst zu einer Funktionsstörung der Gefäßinnenhaut, des Endothels, zu der so genannten Endothelzelldysfunktion. In der Folge kommt es zu einer Endothelzellschädigung mit dem Risiko einer beschleunigten Atherosklerose. Von diesen Vorgängen sind nicht nur die größeren Blutgefäße, die Arterien, sondern auch die kleineren Blutgefäße betroffen. In der Folge können bei Patienten mit diesen entzündlich-rheumatischen bzw. Autoimmunkrankheiten Durchblutungsstörungen zum Beispiel am Herzen letztlich bis zum Herzinfarkt auftreten. Auch die Gefahr von Durchblutungsstörungen anderer Organe bzw. Körperabschnitte besteht. Die Erforschung der Ursachen dieser Veränderungen hat ergeben, dass neben den so genannten traditionellen Risikofaktoren für eine Atherosklerose (Bluthochdruck, Übergewicht, Erhöhung der Blutfette, Nikotin) durch die Entzündung bedingte immunologische bzw. biochemische Risiko-Faktoren Ursache dieser Gefäßwandschädigungen sind.

"Am Zentrum für Innere Medizin Leipzig führen wir seit zwei Jahren spezielle Untersuchungen mit unseren Kardiologen Prof. Pfeiffer und Prof. Hagendorff bei Patienten mit Gelenkrheumatismus durch, um Risikopatienten herauszufinden und zu behandeln" erläutert Häntzschel. Diese Untersuchungen werden begleitet vom Koordinierungszentrum für Klinische Studien Leipzig.

Beteiligung des Herz-Kreislaufsystems verhindern

Die Konsequenz aus diesen Forschungsergebnissen besteht darin, die betroffenen Patienten noch intensiver und vor allem wesentlich früher als bisher mit allen Behandlungsverfahren zu behandeln, welche für die Therapie von entzündlichen Prozessen bei Rheumapatienten zugelassen sind. Das Ziel besteht nicht nur in der Verhinderung von Gelenk- und Wirbelsäulenversteifung, sondern auch darin, die Beeinträchtigung der Lebenserwartung des Patienten durch Beteiligung des Herz-Kreislauf-Systems zu verhindern.