Nur 40 Prozent der Leipziger sind optimal mit Jod versorgt

Pressemitteilung vom 06.09.2007
Interview mit Prof. Dr. Ralf Paschke, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Leipzig und Organisator der Leipziger Tagung der Europäischen Schilddrüsengesellschaft

Mit weit über 500 Wissenschaftlern und Ärzten begann am Sonnabend in Leipzig das 32. Jahresmeeting der Europäischen Schilddrüsengesellschaft (ETA), zu der neben europäischen auch Schilddrüsen-Experten aus den USA, China, Südamerika, Australien und vielen anderen Ländern kamen. Fortgesetzter Jodmangel kann zu Schilddrüsenvergrößerungen, aber auch zu Knoten oder zur Überfunktion des lebenswichtigen Organs führen, warnt Prof. Dr. Ralf Paschke, Medizinische Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Leipzig und Vorsitzender des Lokalen Organisationskomitees der ETA 2007. Er rät besonders jenen, in deren Familien schon Schilddrüsenvergrößerungen oder Schilddrüsenknoten auftraten, zur Vorbeugung mit Jodtabletten.

Auf dem Leipziger Kongress steht auch das Thema Jodversorgung im Mittelpunkt. Welche Gefahr entsteht durch einen Mangel an Jod?

Prof. Paschke: Die Schilddrüse kann nur mit Jod Schilddrüsenhormone bilden. Diese wiederum bestimmen den Grundumsatz des Organismus. Also den Energieverbrauch, die Regulation der Körpertemperatur, das körperliche und geistige Leistungsvermögen, die Herztätigkeit, den Blutdruck, die Fruchtbarkeit, ja sogar die Stimmung. Ohne die Schilddrüsenhormone ist Leben nicht möglich. Um diese wichtigen Funktionen bei mildem Jodmangel aufrecht zu erhalten reagiert die Schilddrüse bei einem Großteil der Menschen nicht mit effektiverer Jodverwertung sondern mit einer Schilddrüsenvergrößerung und nach einigen Jahren mit der Bildung von Knoten.

Welche Probleme bringen Schilddrüsenkonten?

Etwa zehn Prozent der Knoten verursachen irgendwann im Verlauf eine Schilddrüsenüberfunktion. Etwa drei bis fünf Prozent der Patienten, die mit einem Schilddrüsenknoten in unsere Sprechsunde kommen, haben ein Schilddrüsenkarzinom. Diese wenigen Schilddrüsenkarzinome aus den vielen Schilddrüsenknoten herauszufiltern, ist nicht einfach und erfordert insbesondere eine Feinnadelpunktion des Knotens. Auf diese Weise sind die Folgen des Jodmangels letztendlich die wichtigste Ursache der rund 100.000 jährlichen Schilddrüsenoperationen in Deutschland

Wie kann es in Deutschland zu einem Jodmangel kommen? Essen wir falsch?

Statistisch und im Durchschnitt gesehen haben wir in Deutschland eine ausreichende Jodversorgung. Dahinter steckt jedoch: 30 Prozent der Bevölkerung nehmen zu wenig Jod auf. Wir haben das einmal für Leipzig genau untersucht. Herausgekommen ist: Nur 40 Prozent der Einwohner sind optimal mit Jod versorgt. Bei 21 Prozent der Leipziger fanden wir ein moderates bis schweres Defizit. Das hängt aber nicht allein mit der Ernährung zusammen. Wir in Mitteleuropa könnten täglich Fisch essen, und würden dennoch nicht genug Jod zu uns nehmen. Das hängt damit zusammen, dass - im Gegensatz beispielsweise zu den USA - hier die landwirtschaftlich genützten Böden vergleichsweise wenig Jodid enthalten. Deshalb nehmen wir zu wenig Jod über Pflanzen und tierische Produkte auf.

Dabei gibt es doch mit Jod angereichertes Kochsalz, das im Haushalt verwendet wird ...

Das ist auch gut so. Nur benutzen 20 Prozent der Verbraucher kein Jodsalz und bei denjenigen, die es benutzen reicht das offensichtlich bei vielen Menschen auch nicht aus. Zumal die aktuellen Bemühungen zur Reduzierung des Kochsalzes - damit es weniger Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzkrankheiten gibt - dazu führen, dass noch weniger Jod aufgenommen wird. Auf unserem Kongress sind sich Schilddrüsen-Experten und Vertreter der Weltgesundheitsorganisation WHO einig, dass in einigen Ländern wohl eine Erhöhung der Kochsalzjodierung und andere Anpassungsmaßnahmen nötig sind, um eine Ausweitung des Jodmangels und seiner Folgeerkrankungen zu verhindern.

Und bis dahin - was kann der Einzelne tun, um genügend Jod zu sich zu nehmen?

Ich empfehle, täglich Jod in Tablettenform zu sich zu nehmen. Das ist gar nicht teuer und der beste Schutz. Zu Jodtabletten rate ich besonders jenen, in deren Familie schon Schilddrüsenvergrößerungen vorgekommen sind. Denn es gibt eine familiäre Veranlagung zu solchen Erkrankungen.

Uwe Niemann