Wenn Essen zur Wissenschaft wird

Pressemitteilung vom 21.03.2007
Ein an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig entwickeltes Lernprogramm für Patienten hilft Zöliakie-Patienten bei der Auswahl der richtigen Lebensmittel

Das auf dem Bildschirm abgebildete Brot verzieht das Gesicht, wenn der User es mit einem falschen, also einem glutenhaltigen Getreide füttert. Oder wenn der Einkaufswagen mit glutenhaltigen Lebensmitteln gefüllt wird, ist plötzlich ein Schriftzug zu lesen: "Sie riskieren einen Diätfehler!". Die Benutzer dieses Programmes - Zöliakie-Patienten - wissen sehr wohl was das dann bedeutet. Dennoch wird es gleich noch bildlich gemacht: Es taucht ein Toilettenhäuschen auf, besetzt von einem missmutig dreinblickenden Männlein.

"Bei den ersten Tests des Programms in Selbsthilfegruppen waren wir besonders bezüglich dieser Karikatur etwas skeptisch, wie sie beim Nutzer des Programms ankommt. Aber alle Betroffenen haben darüber gelacht", erzählt Kirsten Meyer. Betroffen ist sie auch selbst. Die junge Frau leidet an der Stoffwechselkrankheit Zöliakie, also einer Getreideunverträglichkeit. Nicht zuletzt diese chronische Krankheit brachte die Oecotrophologin (Ernährungs- und Haushaltswissenschaften) dazu, von ihrem Studienort Bernburg an die Universität Leipzig zu wechseln. Hier fand sie in der Arbeitsgruppe Medizinische Lern- und Informationssysteme besonders gute Voraussetzungen vor, um als ihre Diplomarbeit ein Lernprogramm zu entwickeln, das Zöliakie-Patienten ermöglicht, das notwendige Wissen für ihre Ernährung zu gewinnen. Steffen Sülzle stand und steht ihr zur Seite, wenn es darum geht, Wege zu finden, auf denen dieses Programm über die Ladentische gehen könnte.

Programm auch für andere Diäten anwendbar

Fachliche Unterstützung fand die Diplomandin und spätere Universitätsmitarbeiterin bei Prof. Ralf Paschke, der auf diesem Gebiet bereits arbeitete und mit einer anderen Firma auch den Grundstock für die Ausgründung der SCIAS GbR gelegt hatte. "Die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe unter der Leitung des Informatikers Dr. Nebel haben einen interessanten Ansatz gefunden, wie man mit Volkskrankheiten umgehen sollte", so Paschke. "Die umfassend notwendige Aufklärung und Wissensvermittlung kann nicht mehr ausschließlich in der Sprechstunde des Facharztes erfolgen. Solche Programme könnte ich mir ebenfalls bei Adipositas und vielen ähnlichen, durch das Verhalten der Pateinten beeinflussbaren Erkrankungen vorstellen." Unter der Leitung von Prof. Paschke wurden am Universitätsklinikum Leipzig drei derartige Schulungsanwendungen für Diabetes Patienten entwickelt.

Neben der wissenschaftlichen Hilfe suchte Kirsten Meyer die Unterstützung der Selbsthilfegruppen. Die Runden der Betroffenen erzählten ihr detailliert, wann sie vor welchen Problemen stehen. "Es geht darum, nicht nur Wissen schlechthin zu vermitteln, sondern es in den Kontext der Alltagssituationen einzufügen, denen der Patient gewachsen sein muss. Und dann sollte das Lernen auch noch Spaß machen." Um das zu verdeutlichen lädt sie per PC zu einem Restaurantbesuch ein: Der Kellner bringt die Karte und schon beginnt - per Sprechblase und Ton - ein interaktives Gespräch zwischen Kellner und Gast. Denn der Patient, darf nichts auswählen, was auch nur mit dem kleinsten Hauch Weizenmehl in Berührung gekommen ist, keine angedickte Soße, kein gebundenes Gemüse, nicht mal ein Spritzer Soja-Soße. "Was also genau, muss ich dem Kellner sagen? Wie erkläre ich ihm, dass ich keine Kompromisse machen darf? Oder rede ich lieber gleich mit dem Koch? Welche Alternativen schlage ich dem vor? Das will gelernt sein."

Schnelle Aneignung des Lernstoffes

Aber nicht nur die Inspiration für die Lernprogramme lieferten die Selbsthilfegruppen, sie stellen sich auch als Tester zur Verfügung. Nach dem Zufallsprinzip wurden im Rahmen einer Studie zwei Mannschaften eingeteilt. Die eine musste herkömmliche Info-Broschüren lesen. Die andere - ob nun mit oder ohne einschlägige Erfahrung - wurde vor den PC mit der neuen Lern-Software gesetzt. "Und wie erwartet konnten die User des Programms sich den Lernstoff nicht nur schneller aneignen, sie konnten ihn auch drei Wochen später korrekter darstellen und anwenden." A

Der gegenwärtige Schritt, den die SCIAS-Gründer gehen, ist die Anpassung des Zöliakie-Programms an die Gegebenheiten der Schweiz und Österreichs und dessen Übersetzung ins Englische und Anpassung an die USA, Canada und Groß Britannien. Eine weitere Stoffwechselkrankheit, der sie sich widmen möchten, ist Phenylketonurie.

Autoren dieser Software sind die Oecotrophologin Kirsten Meyer und der Betriebswirtschaftler Steffen Sülzle, bislang Mitarbeiter der Universität Leipzig und seit kurzem Gründer der SCIAS GbR. Betreut wurden sie von Prof. Ralf Paschke, Leiter der Endokrinologischen Ambulanz, der neben PD Dr. Secknus, Chefarzt der Klinik für innere Medizin ll in Weimar, als Autor am Programm mitwirkte.

Marlis Heinz