Gegen die Ignoranz der Ängstlichen

Pressemitteilung vom 08.03.2007
Im Darmkrebsmonat März soll auf die Chancen der Vorsorgeuntersuchung aufmerksam gemacht werden

Die Zahlen sprechen für sich: Jährlich sterben in Deutschland rund 30.000 Menschen an Dickdarmkrebs. Fast 90 Prozent dieser Todesfälle wären zu verhindern gewesen, hätte man die Vorstufen des Krebses rechtzeitig entdeckt. Um auf die Chancen aufmerksam zu machen, die eine Vorsorgeuntersuchung bietet, erklärt die vom Felix-Burda-Verlag ins Leben gerufene Stiftung "Lebensblicke" jährlich den März zum "Darmkrebsmonat". Neues dazu berichtet Prof. Dr. Joachim Mössner, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums Leipzig.

Ab dem 56. Lebensjahr bezahlen die Kassen eine Vorsorgekoloskopie, beim Verdacht oder familiärer Belastung oder bei besorgniserregenden Symptomen wie Blut im Stuhl schon früher. Und dennoch nehmen nur 8,8 Prozent der berechtigten Männer und 10,2 Prozent der Frauen (Stand bis Ende 2005) diese Möglichkeit wahr. Kann man wirklich nichts gegen diese Zurückhaltung tun?

Wir können nur immer wieder an die Vernunft der Menschen appellieren, indem wir betonen, dass der Darmkrebs gegenüber vielen anderen Krebsformen einen entscheidenden Vorteil hat: Etwa 90 Prozent der Erkrankungen entwickeln sich aus zunächst gutartigen Polypen. Die Existenz einer solchen bei der Vorsorgeuntersuchung erkennbaren und leicht zu beseitigenden Vorform ist eine unglaubliche Chance. Wer die nicht genutzt hat, müsste eigentlich an den Kosten der Therapie beteiligt werden. Ich weiß, mit solchen Aussagen mache ich mir keine Freunde - aber wenn man täglich das Schicksal der Patienten, bei denen die Diagnose zu spät gestellt wurde, erlebt und wie aufwendig und kostenintensiv die Therapie ist und wie vergleichsweise banal eine Vorsorgeuntersuchung ist, dann macht die Ignoranz das Angebot der Vorsorgekoloskopie anzunehmen schon zornig.

Sie sagen banale Untersuchung, aber immerhin: Der Darm muss durch Abführmittel gereinigt werden, anderthalb Tage darf man nichts essen. Dann folgt die Spiegelung des Darmes, die auch nicht gerade angenehm ist ...

Aber das ist alles nichts im Vergleich dazu, was passieren kann, wenn Polypen unentdeckt und unentfernt bleiben und dann zu Krebs ausarten. Durch immer besserer Medikation vor und während der Spiegelung nehmen die Unannehmlichkeiten während der Koloskopie auch spürbar ab.

Aber muss es denn immer die Spiegelung sein? Inzwischen gibt es doch auch neue Methoden, die den Darm von außen betrachten.

Weit entwickelt ist derzeit die Kolografie, eine als Computertomografie oder Magnetresonanztomografie durchgeführte virtuelle Darmuntersuchung. Aber noch verlangt auch dieses bildgebende Verfahren die völlige Reinigung des Darmes und die ist nach meiner Erfahrung der unangenehmere Part des Ganzen. Erst wenn einmal der Computer im gefüllten Darm Polypen sicher von Stuhl unterscheiden kann, ist er einen Schritt voraus.

Eine weitere Untersuchung ist die von Zellen, die aus der Darmschleimhaut stammen und mit dem Stuhl ausgeschieden werden. Aber hier sind die vergleichenden Studien noch nicht so weit, dass klare Aussagen getroffen werden können, inwieweit mit dieser Methode alle Polypen entdeckt werden können.
Schon seit vielen Jahren kann man in ein Labor eingeschickten Stuhl untersuchen lassen, ob mit bloßem Auge nicht sichtbares Blut auf aufgerissene Polypen schließen lässt. Da aber diese Schleimhautausstülpungen nicht immer bluten, kann durch diesen Test nur ein reichliches Viertel der Polypen aufgespürt werden.

Noch ist also die Koloskopie nicht abzuschaffen?

Ich bin überzeugt, sie wird immer sehr wichtig sein. Im Gegensatz zu allen anderen Untersuchungsmethoden hat sie nämlich einen entscheidenden Vorteil: Während des 'Tauchganges' bei dem der Arzt alle Windungen des Darmes ganz genau betrachtet, können durch eine kleine Schlinge vorhandene Polypen sofort schmerzlos gekappt werden. Die potentiellen Vorstufen des Krebses sind also beseitigt und der Patient kann etwa zwei bis drei Jahre diesbezüglich sorglos leben. Sobald bei anderen bildgebenden Verfahren Polypen entdeckt werden oder auch nur der geringste Zweifel besteht, wären wir dann doch noch gezwungen, zu Endoskop und Schlinge zu greifen.

Wenn wir von Darmkrebsvorsorge sprechen, sprechen wir ja immer nur vom End- und Dickdarm. Aber der Dünndarm mit seinen mehr als vier Metern ist ja weit länger - und dort kann das Endoskop ohnehin nicht hineingeführt werden. Macht man sich da nichts vor?

Lassen Sie mich nur mit einer Zahl antworten: Auf einen einzigen Fall von Dünndarmkrebs, kommen 10.000 des Dickdarms.

Im März werden sich niedergelassene Gastroenterologen mit einer Veranstaltung zum Darmkrebs direkt an die Hausärzte wenden, weil die erwiesenermaßen den größten Einfluss auf ihre Patienten haben. Was möchten Sie aber dem (vermeintlich) gesunden Durchschnittsbürger zu denken geben?

Es gibt da eine Statistik, die kürzlich einer unserer Doktoranden zusammengestellt hat: Von allen Patienten, die mit einem Dickdarmtumor zur Operation kamen, waren weniger als 20 Prozent über die Vorsorgeuntersuchung in einem relativ frühen Stadium gekommen. Achtzig Prozent waren getrieben von wirklichen Beschwerden, also von Darmverschluss, paradoxen Durchfällen, Blut im Stuhl, Gewichtsverlust - also in einem Zustand, in dem sie bereits schlechte Karten haben.

Marlis Heinz