Ostdeutsche sind skeptischer gegenüber Krieg und Militär als Westdeutsche

Pressemitteilung vom 30.09.2008
Die Ostdeutschen stehen Krieg und Militär skeptischer gegenüber als ihre westdeutschen Landsleute - auch 18 Jahre nach der Wiedervereinigung. Das geht aus einer repräsentativen Studie von Prof. Dr. Elmar Brähler hervor, dem Leiter der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Soziologie der Universität Leipzig.

75 Prozent der befragten Ostdeutschen gaben an, Krieg sei grundsätzlich moralisch verwerflich, während im Westen Deutschlands nur 63 Prozent dieser Aussage zustimmten. Alles Militärische als abstoßend empfinden nach eigener Aussage 55 Prozent der Ostdeutschen, im Westen sagten dies nur 48 Prozent der Befragten. Dass die Bundesrepublik weniger Geld für Rüstung ausgeben sollte, meinten 64 Prozent der Menschen in Ostdeutschland und 41 Prozent im Westen. Sehr deutlich wurde in der Studie zudem, dass vor allem Frauen allem Militärischen kritisch gegenüberstehen.

Für die Studie hatten Prof. Brähler und Dr. Christopher Cohrs von der nordirischen Queen's University Belfast 2.524 repräsentativ ausgewählte Personen in Deutschland befragen lassen. In persönlichen Interviews wurden ihnen Aussagen zu ethischen Aspekten von Krieg und Militär vorgelegt, zu denen sie sich zustimmend, ablehnend oder auch unentschieden äußern sollten. Dabei stimmte die Hälfte der im Westen Befragten der Aussage nicht zu, wonach Krieg auf Grund der Natur des Menschen unvermeidlich sei. Noch stärker auf Ablehnung stieß die Aussage im Osten, wo 63 Prozent der Befragten diese Annahme zurückwies. 69 Prozent der Ostdeutschen meinte, dass eine Welt ohne Kriege im Prinzip möglich sei. Dem schlossen sich auch 58 Prozent der Befragten im Westen an. Nicht zustimmen mochte rund die Hälfte aller Befragten der Aussage, sie könne es nachempfinden, wenn jemand militärische Werte und Tugenden bewundere (Ostdeutschland: 50 Prozent/Westdeutschland: 53 Prozent). Dass schon die Androhung militärischer Gewalt großen Schaden anrichtet, glauben 62 Prozent der Ostdeutschen und 45 Prozent der Westdeutschen.

Interessanterweise erklärten trotz der grundsätzlichen Ablehnung von Kriegen 44 Prozent der Ostdeutschen, die Bundeswehr solle mit besserer Technik ausgerüstet werden, was lediglich 23 Prozent rundweg ablehnten (Westdeutschland: 36 zu 25 Prozent). Ein Drittel der Menschen in Ostdeutschland (35 Prozent) meinte zudem, dass Krieg ethisch gerechtfertigt sein könne, um Freiheit und Menschenrechte zu schützen. Dieser Aussage stimmten nur 27 Prozent der befragten Westdeutschen zu. Das schwierige Verhältnis zum Militär wurde auch darin deutlich, dass 40 Prozent der Ostdeutschen meinen, der Staat müsse über militärische Stärke verfügen, um bei internationalen Konflikten glaubhaft verhandeln zu können. Im Westen schlossen sich nur 33 Prozent dieser Aussage an.

Große Unterschiede ergab die Auswertung der Studie auch, wenn nach Geschlechtern getrennt wurde. Krieg als grundsätzlich moralisch verwerflich erklärten 71 Prozent der Frauen, Männer stimmten der Aussage zu 59 Prozent zu. Empfinden 39 Prozent der Männer alles Militärische als abstoßend, sind es bei den Frauen mit 59 Prozent mehr als die Hälfte. Noch ein Prozent mehr, nämlich 60 Prozent der Frauen, erklärten, sie könnten es nicht nachempfinden, wenn jemand militärische Werte und Tugenden bewundere. Bei den Männern stimmten dieser Aussage mit 44 Prozent weniger als die Hälfte zu.

Konsequent in der Ablehnung von militärischer Gewalt zeigten sich die Frauen auch bei der Frage danach, ob schon deren Androhung großen Schaden anrichte. Dieser Aussage schlossen sich 53 Prozent der Befragten an, nur 17 Prozent waren vom Gegenteil überzeugt (Männer: 43/21). Ob der Staat über militärische Stärke verfügen müsse, um bei internationalen Konflikten glaubhaft verhandeln zu können, beantworteten nur 28 Prozent der Frauen mit ja, während immerhin 41 Prozent der Männer äußerten, dass dies so sei. So waren die Männer mit 46 Prozent Zustimmung auch deutlich vor den Frauen (28) bei der Frage, ob die Bundeswehr mit besserer Technik ausgerüstet werden solle.

Schwer taten sich die Frauen mit der Frage danach, ob Krieg ethisch gerechtfertigt sein könne, um Freiheit und Menschenrechte zu schützen. Während 38 Prozent dem nicht zustimmten, konnten sich doch noch 23 Prozent vorstellen, dass in einem solchen Fall militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein könnte (Männer:31/34). Dass eine Welt auch ohne Kriege prinzipiell möglich sei, glauben 65 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer.

Während die prinzipiell stärkere Ablehnung militärischer Gewalt von Frauen im Vergleich zu Männern aus früheren Befragungen, auch aus anderen Ländern, bekannt ist, sind die genauen Ursachen der Unterschiede zwischen den ost- und westdeutschen Befragten noch zu erforschen. Möglicherweise deutet sich hier eine geringere Identifikation der Ostdeutschen mit der - geschichtlich in Westdeutschland verankerten - Bundeswehr und damit eine kritischere Position gegenüber der Bundeswehr an.

Jörg Aberger