Europäisches Netzwerk mit Sitz in Leipzig-Halle verbessert Therapie bei seltenem Krebs im Kindesalter

Pressemitteilung vom 03.09.2008
Europäisches Bilddaten-Netzwerk zum Hodgkin-Lymphom bei Kindern hat Arbeit aufgenommen. Das Projekt wird im Rahmen des Public Health Programms der EU gefördert. und ergänzt das Europäische Kinder-Hodgkin Netzwerk.

Ein geschwollener Lymphknoten - wenn Kinder dieses harmlos scheinende Symptom aufweisen, würde kaum eine Mutter oder ein Vater auf den Gedanken kommen, dass eine ernste, ja lebensbedrohliche Krankheit dahinter stecken könnte. Und normalerweise ist das auch nicht der Fall. Doch etwa 150 Mal im Jahr müssen Eltern in Deutschland, deren Kind eben diese Krankheitszeichen zeigt, eine schlimme Diagnose verkraften: Hodgkin-Lymphom. Dieser bösartige Tumor der Lymphdrüsen gehört zu den seltenen Krankheiten, beginnt schleichend mit Symptomen, die auch andere, weit harmlosere Krankheiten aufweisen und kann zum Tod führen, wenn nicht unmittelbar nach der Diagnose mit einer individuell auf den Patienten zugeschnittenen Therapie begonnen wird.

"Glücklicherweise sind die Heilungschancen recht gut, wenn die Krankheit schnell erkannt wird und entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden", kann Prof. Dr. Regine Kluge beruhigen. Die leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin des Universitätsklinikums Leipzig ist die Initiatorin und Koordinatorin des Europäischen Bilddaten-Netzwerkes zum Hodgkin-Lymphom bei Kindern, das Anfang September 2008 seine Arbeit offiziell aufnimmt. "Dem Netzwerk gehören Ärzte verschiedener Einrichtungen aus derzeit zwölf europäischen Ländern an", erklärt Kluge. "Ziel ist es, den jungen Patienten ungeachtet deren sozioökonomischen Hintergrundes oder der geografischen Herkunft die bestmögliche Therapie zukommen zu lassen; und zwar dort, wo sie leben."

Erkrankt in einem der Teilnehmerländer ein Kind am Hodgkin-Lymphom, erfolgt nach Einverständnis der Eltern der Einschluss des Patienten in die europaweite Therapie-Optimierungs-Studie EuroNet-PHL-C1. Ab diesem Zeitpunkt müssen sich die mehr als 100 beteiligten Krankenhäuser streng an einen festen Ablauf halten. Alle jungen Patienten werden im Rahmen eines wissenschaftlich durch die Deutsche Krebshilfe e.V. geförderten Behandlungsprotokolls betreut. Darin ist auch die Art der Diagnostik genau vorgeschrieben.

Und so funktioniert das Netzwerk: Die Bilddaten der Kinder und Jugendlichen werden von einem Expertenteam aus Pädiatrischen Onkologen, Radiologen, Nuklearmedizinern und Strahlentherapeuten begutachtet. Das Team gibt dann als Zweitmeinung eine Therapieempfehlung an die behandelnden Kinderonkologen europaweit. Das Expertenteam trifft sich wöchentlich am Universitätsklinikum Halle und wertet dort jeweils zehn bis 20 Fälle aus.

Bisher mussten die Bilddaten auf CD gebrannt und per Post gesendet werden. Im Laufe der nächsten Monate werden alle beteiligten Krankenhäuser europaweit an einen Zentralserver angeschlossen. Damit können alle Bilddateien schnell und effizient verschickt und abgerufen werden. Diese Netzwerklösung ist dank einer zwei Millionen Euro - Förderung der Europäischen Union möglich und dringend nötig. "Da es sich um eine sehr seltene Krankheit handelt, ist vor Ort in den einzelnen Krankenhäusern in den verschiedenen Ländern die Expertise für Diagnostik und Therapie sehr unterschiedlich ausgeprägt", erläutert die Leipziger Nuklearmedizinerin. Die Spezialisten der Uniklinik Halle und der Uniklinik Leipzig hätten im europäischen Vergleich nicht nur eine sehr hohe Expertise, sondern ihr Therapie-Optimierungs-Protokoll sei europaweit am fortschrittlichsten. "Wir wollen die Heilungschancen maximieren und die Nebenwirkungen minimieren." So umreißt das Expertenteam seinen Auftrag. Chemotherapie und Bestrahlungen kommen bei der Therapie zur Anwendung. Allerdings weiß man heute, dass in ca. 25 Prozent der Fälle durch die Bestrahlung innerhalb von 30 Jahren bösartige Zweittumore entstanden sind. Dies will man dadurch vermeiden, dass man wo immer möglich auf eine Strahlentherapie verzichtet. Laut Kluge sei das in etwa 50 Prozent der Fälle möglich.

Neben dem unmittelbaren Einfluss des Projekts auf jeden einzelnen Hodgkin-Fall in den Teilnehmerländern hat es auch eine positive Langzeitwirkung. Die Daten werden nach der dreijährigen Projektlaufzeit zur weltweit größten und vollständigsten Datenbank über das Hodgkin-Lymphom bei Kindern vereint. Eines der Charakteristika seltener Krankheiten - der Mangel an wissenschaftlich fundierten Informationen - wird damit überwunden.

Das innovative Prinzip dieses Best-Practice-Vorhabens ist auch auf andere seltene Krankheiten übertragbar, bei denen nur eine intensive Zusammenarbeit verschiedener Spezialisten den größtmöglichen Therapieerfolg bietet.

Das Projekt erhält Gelder im Rahmen des Aktionsprogramms im Bereich der öffentlichen Gesundheit der Europäischen Kommission. In diesem Rahmen werden Aktionen zur Verbesserung und zum Erhalt der Gesundheit der Menschen in der Europäischen Union gefördert.

Heiko Leske