Krebsvorsorge ist nicht peinlich!

Pressemitteilung vom 11.03.2008
Die Stiftung "Lebensblicke" des Felix-Burda-Verlags erklärt jedes Jahr den März zum Darmkrebsmonat. Das Leipziger Universitätsklinikum veranstaltet dazu einen Informationstag, auf dem Experten Antworten geben. Der Gastroenterologe Prof. Dr. Joachim Mössner spricht vorab über eine gefährliche Krankheit mit einer großen Chance.
Zeit 19. März 2008, 17:00 Uhr
Ort Hörsaal im Operativen Zentrum
Liebigstraße 20
04103 Leipzig

Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebsart in Deutschland. Jährlich erkranken daran ca. 70.000 Menschen, 30.000 Patienten sterben. Bei einer Darmspiegelung können Vorstufen von Darmkrebs erkannt und gleich entfernt werden, noch bevor sie sich zu einem bösartigen Tumor entwickeln. Fast 90 Prozent der Todesfälle wären so zu verhindern - eine Chance, die es bei anderen Krebserkrankungen nicht gibt.

Doch nur die wenigsten wollen die Vorsorge wahrnehmen: Der Darm muss auf unangenehme Art und Weise am Vortag entleert werden, die Spiegelung ist peinlich und der "Briefchen-Test" auf verstecktes Blut im Stuhl wiegt viele in falscher Sicherheit. Diese Erfahrung hat auch Prof. Dr. Joachim Mössner gemacht, der als Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II der Universität Leipzig für Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts zuständig ist.

Dass der Briefchen-Test, der aufgerissene, blutende Polypen - die Vorstufen des Darmkrebsgeschwürs - aufspüren soll, keine hundertprozentige Sicherheit bietet, weil gar nicht alle Polypen überhaupt reißen, ist in der Bevölkerung nicht ausreichend bekannt. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, ab dem 51. Lebensjahr steigt und die Krankenkasse deshalb dann auch alle Vorsorgeuntersuchungen übernimmt. Oder, dass man bei einer Erkrankung gar keine Symptome bemerken muss, dass bei akuter Darmverstopfung und sichtbarem Blut im Stuhl manchmal schon alles zu spät sein kann.

Dass Polypen wachsen, ist relativ wahrscheinlich: Jeder Dritte der über 55-Jährigen hat Polypen im Dickdarm. "Der Weg von der normalen Darmschleimhaut bis zum Karzinom verläuft sehr langsam und über viele Mutationen, das sind genetische Veränderungen", erklärt Prof. Mössner. "Die ursprüngliche Vorwölbung, der Polyp, ist zunächst gutartig. Aber wenn die oberflächige Schleimschicht anfängt zu wachsen, wird aus dem Polypen ein Adenom, das sich dann zu einem Karzinom weiter entwickeln kann." Bei der Darmspiegelung, der Koloskopie, können die Polypen mit der Kamera entdeckt und gleich mit einer Schlinge gekappt werden. "Die Schleimhaut an dieser Stelle heilt dann zu, wie bei einer normalen Wunde, und aus diesem Polypen kann dann kein bösartiger Tumor mehr werden", berichtet Mössner.

Wenn diese Möglichkeit versäumt wird und der Krebs entsteht, muss der entsprechende Teil des Darmes entfernt werden. "Der Dickdarm ist zum Leben nicht notwendig, man kann also auch mit einem halben Darm noch ein normales Leben führen, vielleicht mit ein bisschen mehr Stuhlgang", versichert Prof. Mössner. "Aber wenn es sich um ein Enddarmkarzinom handelt, bekommt der Patient einen künstlichen Darmausgang und hat nur noch Stuhlgang über einen Beutel - das ist sicher eine Einschränkung der Lebensqualität."

Wenn der Krebs schon Metastasen, also Tochtergeschwüre, gebildet hat, bleiben dem Patienten nur noch langwierige Therapien wie die Chemotherapie oder Bestrahlungen. Wichtig sei auch die Nachsorge, betont Prof. Mössner. Denn wer einmal ein Karzinom entwickelt habe, könne auch immer wieder ein neues bekommen, auch an anderer Stelle.

Dass die Mutationen in der Darmwandschleimhaut entstehen, kann auch genetisch vorbelastet sein. Bei so genannten Krebs-Familiensyndromen wird eine bestimmte Mutation vererbt und erhöht so das Risiko, tatsächlich an Krebs zu erkranken. Dieses Risiko kann der Hausarzt durch die Amsterdam-Kriterien abfragen, wie zum Beispiel: Kommen bei erstgradigen Verwandten gehäuft bösartige Tumore vor? Treten diese bereits vor dem 51. Lebensjahr auf? Ist mehr als eine Generation betroffen? "Wenn diese Kriterien erfüllt sind, sollte man wirklich hellhörig werden und seinen Arzt aufsuchen. Wenn die 80-jährige Großmutter ein Dickdarmkarzinom hatte, besteht kein Grund zur Beunruhigung", sagt Prof. Mössner. Um so mehr ist es ihm ein Anliegen, dass diejenigen, die erblich vorbelastet sein könnten, sich auch vor ihrem 51. Lebensjahr mit ihrem Hausarzt in Verbindung setzen. In Fällen eines Krebs-Familiensyndroms bezahlt die Krankenkasse eine Darmspiegelung auch schon unterhalb des Risikoalters.

Nach dem Lungenkrebs beim Mann und dem Brustkrebs bei der Frau liegt der Dickdarmkrebs bei beiden Geschlechtern in Deutschland auf Rang zwei der Tumore. Im Vergleich zu anderen EU-Ländern hat Deutschland eine besonders hohe Neuerkrankungsrate. Das liege aber nicht an der Genetik der Deutschen, sagt Prof. Mössner: "Das betrifft auch andere Länder, die ähnliche Ernährungsgewohnheiten haben wie wir. Die Kost der Mittelmeerländer - viel frisches Obst und Gemüse, weniger Bierkonsum - wirkt vorbeugend, während die der Deutschen, Belgier, Holländer oder Dänen die Tumorbildung eher begünstigt. Auch der zunehmende Bewegungsmangel ist ein Grund, wir werden ja immer dicker." Diese Faktoren erhöhen auch das Risiko, an anderen gastroenterologischen Karzinomen zu erkranken, wie Bauchspeicheldrüsen-, Leber- oder Magenkrebs.

Für die Zukunft wünscht sich Prof. Mössner auch effizientere Maßnahmen bei der Vorbereitung der Darmspiegelung: "Derzeit wird versucht, im Stuhlgang nicht nur verstecktes Blut, sondern auch das Erbmaterial von abgestoßenen Krebszellen zu finden. Das wäre ein großer Fortschritt, denn so könnte man bereits im Vorfeld gezielter die Patienten heraus suchen, die tatsächlich zur Koloskopie müssen. Damit ließe sich der Prozentsatz derer mindern, die man spiegelt, bei denen man aber nichts findet."

Bis es soweit ist, wird Prof. Mössner nicht müde, immer wieder darauf zu drängen: "Jeder, der in seiner Familie Karzinome bei jüngeren Verwandten hat, sollte mit seinem Arzt klären, ob er zu der Risikogruppe gehört oder nicht. Und jeder sollte, unabhängig von seinem persönlichen Risiko, ab dem 55. Lebensjahr die Angebote der Vorsorge annehmen. Ich bin immer wieder erschüttert, dass auch Leute mit einer hohen Belastung in der Familie sich offensichtlich nicht darum scheren."

Silvia Lauppe