Neurochemiker aus 40 Ländern in Leipzig

Pressemitteilung vom 06.07.2009
Forscher aus 40 Ländern diskutieren beim "Treffen der Europäischen Gesellschaft für Neurochemie (ESN)" an der Universität Leipzig, die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen der Neurochemie. Es geht vor allem um neurodegenerative Krankheiten, wie Demenzen und Bewegungsstörungen, bei denen Hirnsubstanz abgebaut wird. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang auch über die Wiederherstellung von Hirngewebe durch Neo-Neurogenese und die Beeinflussung der Erkrankungen durch nicht-codierende RNA.
Zeit 11. Juli 2009 bis 14. Juli 2009
Ort Campus Jahnallee 59

"Die Sachsen altern schneller als alle anderen Bundesbürger" erklärt der Neurowissenschaftler Prof. Arendt, vom Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung der Universität Leipzig, der mit seinem Team den Kongress ausrichtet. "In Sachsen ist der demografische Wandel besonders rasant. Das Verhältnis von über 65jährigen zu unter 65jährigen, wird hier schon im Jahr 2020 bei 1:1 liegen, damit noch10 Jahre früher als im Bundesdurchschnitt." Deutschlandweit nehmen also die altersbedingten neurologischen und neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Dystonie etc. zu und damit die Kosten für das Gesundheitssystem. Aber auch die Erkenntnisse wachsen, zum Erkrankungsprozess, zur Diagnose und zu möglichen Behandlungsansätzen. Auf der Tagung geht es in diesem Zusammenhang vor allem um fünf Dinge : die Genetik der Erkrankungen, die Mechanismen der Proteinfaltung, die zu schädlichen Proteinablagerungen im Gehirn führt, die frühe Diagnose der Erkrankungen durch neue bildgebende Verfahren, die Neurogenese, bei der Nervenzellen neu gebildet werden und die sogenannte Nicht-codierende-RNA, welche starke Effekte auf die Erkrankungen haben könnte.

Diagnosemöglichkeiten verbessert

"Der größte Fortschritt in der nächsten Zeit ist wohl im Bereich Diagnose zu erwarten", so Prof. Arendt. "Es wird beispielsweise daran gearbeitet Alzheimer- oder Parkinson-typische Veränderungen im Frühstadium mit Hilfe der PET-Technologie (Positronen-Emissions-Tomografie) sichtbar zu machen." Je früher die Krankheit erkannt wird, umso besser kann sie dann behandelt, wenn auch noch nicht geheilt werden. Diesem Schwerpunkt widmet sich eine zusätzliche Summerschool mit circa 40 Experten, die vor der Tagung vom 6. bis 10. Juli in Meißen stattfindet.

Nicht-codierene RNAs beeinflussen das Nervenzellwachstum

Bei der Suche nach den Ursachen der neurodegenerativen Erkrankungen ist seit kurzem ein neuer Aspekt in den Fokus der Wissenschaft gerückt: der Einfluss von sogenannten nicht-Protein-codierenden RNAs" auf Zellsteuerungprozesse.
Normalerweise wird unsere Erbsubstanz, die DNA, in codierende RNAs übersetzt und diese RNAs dann in Proteine umgesetzt. Daneben gibt es aber auch eine große Menge nicht-codierender RNAs, die keinerlei Informationen für Proteine enthalten. Man hielt sie lange Zeit für Abfall und beginnt erst jetzt zu verstehen, dass diese RNAs wichtige Funktionen haben und welche das sind. "Neuste Forschungen zeigen, dass die nicht-codierenden RNAs Stoffwechselprozesse regulieren und auch das Wachstum von Nervenzell-Fortsätzen beeinflussen", erklärt Prof. Arendt. Die Wissenschaftler wollen klären wie das funktioniert und wie auch Demenzen tatsächlich durch diese besonderen RNAs beeinflusst werden. "Denn es gibt beispielsweise auch bestimmte nicht-codierende RNAs die nur bei Alzheimer-Erkrankten auftauchen."


Neue Nervenzellen durch Neo-Neurogenese

Für Therapien von Neurodegenerativen Erkrankungen gibt es ebenfalls neue Ansätze: Großes Potential hätte die sogenannte Neo-Neurogenese ("Neo" steht für "neu", "Genese" für "Bildung") , die Neubildung von Nervenzellen. Abgestorbenes Hirngewebe könnte durch diesen Prozess durch gesundes ersetzt werden. Zunächst muss aber verstanden werden, wie die natürliche Neurogenese im Gehirn im Detail funktioniert. Die Wissenschaftler diskutieren auf der Tagung ihre aktuellen Erkenntnisse zu diesem Thema.


Die Gesellschaft für Neurochemie möchte den wissenschaftlichen Dialog zwischen den westlichen Industriestaaten und Schwellenländern fördern und unterstützt daher insbesondere die Teilnahme von jungen Wissenschaftlern aus ökonomisch benachteiligten Regionen der Erde wie Afrika, Südamerika oder aus den ehemaligen GUS-Staaten. So hat das Tagungskommittee unter anderem 36 Reisestipendien vergeben. Alle am Wissenschaftsstandort Leipzig und Umgebung ansässigen Neurowissenschaftler haben generell freien Eintritt.
Es haben sich bereits 400 Teilnehmer angemeldet. Die Gesellschaft tagt seit ihrer Gründung 1976 zum Vierten mal in Deutschland.

Detailierte Informationen zum Programm finden sie unter:
http://esntagung.uniklinikum-leipzig.de/