Unter 500.000 Genvarianten den Dickmachern auf der Spur

Pressemitteilung vom 27.01.2009
Wissenschaftler der Universität Leipzig haben mit europäischen Kollegen einen großen Schritt in Richtung der weiteren Erklärung für die Funktion von Genen für das Dicksein gemacht.

"Zusammen mit Forschern vor allem aus Lille und London haben wir fast 500 000 Genvarianten des menschlichen Erbgutes betrachtet und untersucht, welche Gene sich bei den dicken Menschen gleichen und wo sie sich von Schlanken unterscheiden", umreißt Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Leipzig. Über erste Ergebnisse berichtete jetzt die international renommierte Fachzeitschrift "Nature Genetics". Was Kiess sowie seine Kollegen Dr. Antje Körner von der Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche und Dr. Peter Kovacs vom Interdisziplinären Zentrum für Klinische Forschung (IZKF) sehr stolz macht: Es ist bereits das dritte Mal, dass das hoch angesehene Blatt die Forschungen des internationalen Konsortiums mit einer Veröffentlichung geadelt hat.

In der jüngsten Untersuchungsreihe haben die Wissenschaftler einen neuen Weg eingeschlagen. "Bislang haben wir immer ein Gen untersucht, von dem wir annahmen, dass es für frühkindliches Übergewicht und massive Fettleibigkeit bei Erwachsenen verantwortlich sein könnte", erläutert Kiess. So hatte das internationale Konsortium bereits vor einiger Zeit festgestellt, dass eine Veränderung des so genannten FTO-Gens für etwa 22 Prozent der genetisch bedingten Übergewichts- und Adipositasfälle verantwortlich ist. Schon in diesem Zusammenhang war vermutet worden, dass im genetischen Netzwerk weitere veränderte Gene die Ausbildung von Übergewicht maßgeblich beeinflussen. Die neuen Untersuchungen setzten genau an dieser Stelle an: Jeweils ca. 500.000 Genvarianten des Erbgutes der rund 15.000 Probanden wurden miteinander verglichen.

Ein Computer berechnete dabei, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich zwei Menschen gleichen. "Erwartet wird in der Regel ein Unterschied von ca. 0,2 Prozent", so Kiess. Nun stießen die Forscher bei ihren Untersuchungen aber bei einzelnen Genvarianten teilweise auf sehr viel größere Unterschiede, wenn sie die Gene von Dicken und Schlanken miteinander verglichen. Dazu nutzten sie ein Analysegerät im französischen Lille, mit dem die menschliche Erbbotschaft als Muster dargestellt werden kann. Die aus den vorliegenden Proben hervorgegangenen Muster stellten sie schließlich nebeneinander und verglichen sie. Dabei waren und sind vor allem die Daten von Kindern, zu denen die Leipziger Forschergruppe wesentlich beigetragen hatte, für die Wissenschaftler hoch interessant. "Bei dicken Kindern schlägt die genetische Komponente stärker zu Buche als bei fettleibigen Erwachsenen, bei denen sich die Einflüsse in Richtung Essgewohnheiten und Alltagsverhalten verschieben", berichtet Kiess.

Die Ergebnisse der Untersuchungen und die daraus resultierenden stabilen Datensätze sind laut Kiess "Grundlage für eine Riesenwelle von Arbeit." Denn nachdem nun weitere Gene abgegrenzt wurden, die genauerer Betrachtung unterzogen werden müssen, kann die Forschung in Richtung polygene Erkrankungen weitergehen. Für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Leipzig ergeben sich dadurch hervorragende Perspektiven: "Die Mannschaft in Leipzig macht gute Arbeit und das ist vor allem der tollen Zusammenarbeit der Mediziner hier am Universitätsklinikum, aber auch den Wissenschaftlern am Herzzentrum, den Biochemikern, den Bioinformatikern und vielen anderen zu verdanken, mit denen wir kooperieren", unterstreicht der Klinikdirektor. Es habe sich erneut gezeigt, dass es richtig gewesen sei, auch im Zusammenspiel mit der Stadt die Kinder in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. In der weiteren Zusammenarbeit mit den Kollegen auf europäischer und internationaler Ebene sei absehbar, dass die Universität Leipzig ihren Spitzenplatz in der Adipositasforschung festigen und weiter ausbauen wird.

Jörg Aberger