Die Welt wieder hören können - Eröffnung des Cochlea-Implantat-Zentrums Leipzig

Pressemitteilung vom 22.04.2010
Endlich wieder hören - für viele schwerhörige und gehörlose Menschen ist dies der größte Traum. Ist die Hörstörung so stark ausgeprägt, dass ein Hörgerät nicht ausreicht, kann eine elektronische Innenohrprothese, ein so genanntes Cochlea Implantat (CI) helfen. Mit dem Cochlea-Implantat-Zentrum Leipzig wurde am Universitätsklinikum Leipzig jetzt eine neue Anlaufstelle für hochgradig Hörgeschädigte etabliert. Ziel der heute eröffneten Einrichtung ist es, die Behandlung und Versorgung dieser Patienten in der Region zu verbessern. Um eine möglichst individuelle Betreuung zu gewährleisten, arbeitet das neue Leipziger CI-Zentrum u. a. eng mit Hirnforschern der Universität Leipzig sowie - bei Kindern - mit dem Förderzentrum Samuel Heinicke zusammen.

Das Hören wieder Lernen - mehr als eine OP

Die Versorgung schwerhöriger Kinder und Erwachsener mit einem Cochlea Implantat ist ein heutzutage weltweit standardisiertes Verfahren, von dem nun auch die Patienten aus Leipzig und Umgebung profitieren können. "Ein CI ist eine elektronische Innenohrprothese, mit der sich das Hörvermögen ertaubter und hochgradig Schwerhöriger deutlich verbessern lässt. Dazu wird mittels einer Operation ein kleiner Elektrodenträger in die Hörschnecke des Innenohrs eingesetzt. Das Implantat umgeht die inaktiven Sinneszellen und die Schallsignale werden direkt elektrisch den Hörnerv übertragen", erklärt der Ärztliche Leiter des Zentrums, Prof. Dr. Michael Fuchs, das Verfahren.

Doch mit der OP allein ist es nicht getan - sie macht nur etwa 20 Prozent der gesamten Therapie aus. Entscheidend für den Behandlungserfolg ist vor allem auch die Phase nach der OP. Der Patient muss erst lernen, mit der neuen Hörsituation umzugehen. In einem längerfristigen Prozess wird das CI in kleinen Schritten so lange an die individuellen Hörsituationen angepasst, bis der Patient wieder hören kann.
Nach dieser intensiven Phase werden alle CI-Patienten weiter vom Cochlea-Implantat-Zentrum betreut - und zwar ein Leben lang: "Das verdeutlicht die Besonderheiten dieser Therapie. Die Diagnostik, Therapie und Rehabilitation gelingt nur mit einem interdisziplinären, aufeinander eingespielten Team aus erfahrenen Ärzten, Technikern, Therapeuten, Audiologen, Pädagogen und Wissenschaftlern. Auch die Patienten spielen eine große Rolle. Sie müssen mit uns an einem Strang ziehen", resümiert Prof. Dr. Andreas Dietz, Direktor der HNO-Klinik die komplexen Kriterien für den Behandlungserfolg.

Umfangreiche sonderpädagogische Förderung von Kindern

In Deutschland kommen ein bis zwei von tausend Kindern mit hochgradigen beidseitigen Hörstörungen zur Welt. Hörstörungen können die sprachliche und damit geistige Entwicklung von Kindern entscheidend beeinflussen. Um sie frühzeitig erkennen und behandeln zu können, werden am Universitätsklinikum Leipzig Hörscreenings für Neugeborene durchgeführt. Bereits um das erste Lebensjahr können betroffene Kinder ein CI erhalten.
Nach Einsatz einer Innenohrprothese werden die Kinder nicht nur von Ärzten, Audiologen und Therapeuten des CI-Zentrums Leipzig betreut. Durch die Zusammenarbeit des CI-Zentrums mit der ältesten pädagogischen Einrichtung für Hörgeschädigte, dem Samuel Heinicke Förderzentrum, werden sie unter hörbehindertenspezifischen Bedingungen umfangreich sonderpädagogisch therapiert und gefördert. "Die interdisziplinäre Kooperation zwischen dem CI-Zentrum und unserem Förderzentrum bietet besonders günstige Voraussetzungen für die kontinuierliche hörspezifische Förderung der Kinder in vertrauter Umgebung. Die Kinder haben keine wechselnden Bezugspersonen, die Individualität tritt dafür mehr in den Vordergrund. Für den Behand-lungserfolg ist das ein entscheidender Vorteil", verdeutlicht Gabriele Fechner, Leiterin des Förderzentrums Samuel Heinicke.

Enge Zusammenarbeit mit Hirnforschern

Für die ständige Weiterentwicklung und Verbesserung von Hörsystemen spielt das grundlegende Verständnis für die Funktionen Hören, Wahrnehmen und Verarbeiten eine entscheidende Rolle. In Leipzig existiert eine ausgeprägte Forschungslandschaft, die sich auch mit diesen Themen beschäftigt Die Entwicklung der Forschung hier voranzutreiben und zu unterstützen, ist eine weitere Besonderheit des CI-Zentrums Leipzig.
Damit auch CI-Patienten zukünftig von dieser Forschung profitieren, arbeiten Mitarbeiter des CI-Teams und der HNO-Uniklinik wissenschaftlich eng mit Hirnforschern der Universität Leipzig zusammen.
So erforscht man z. B. die Auditive (Hör-) Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) bei Kindern, eine zentrale Hörstörung, bei der die Weiterleitung und Verarbeitung des Gehörten im Gehirn gestört ist. Patienten mit einer AVWS haben zum Beispiel Probleme, in lauter Umgebung einen einzelnen Sprecher zu verstehen, die Richtung einer Schallquelle zu bestimmen oder auch sprachliche Anweisungen schnell aufzunehmen und zu verstehen. Trotz ihrer normalen Intelligenz fallen diese Kinder häufig in der Schule auf, da sie dem Unterricht nur schlecht folgen können, teilweise auch "zappelig" und unkonzentriert erscheinen.

Prof. Michael Fuchs betont: "Ziel ist es, zukünftig auch denjenigen Kindern Hilfe und Förderung zukommen zu lassen, die bisher fälschlicherweise als gesund eingeschätzt wurden." Zudem können diese wissenschaftliche Arbeiten auch helfen, die zentrale Hörverarbeitung bei CI-Patienten besser zu verstehen bzw. deren Diagnostik weiterzuentwickeln.