Psychische Erkrankungen - 200 Jahre Forschung und Lehre

Pressemitteilung vom 21.10.2011
Für die westliche Welt konnte heute das 200. Jubiläum der Begründung der Universitätspsychiatrie gefeiert werden. Am 21. Oktober 1811 wurde in Leipzig weltweit erstmalig eine Professur für "Psychische Therapie" eingerichtet und mit Johann Christian August Heinroth besetzt. Ein bedeutsames Datum nicht nur für die Medizingeschichte, sondern vor allem ein Meilenstein für die Entwicklung von Lehre, Forschung und Patientenbetreuung in der Psychiatrie und Nervenheilkunde.
Bild vergrößern Eine zeitgenössische Ansicht des jungen Heinroth (1773 - 1843)  

Im Namen des sächsischen Königs Friedrich August I. erhielt die Universität Leipzig den ersten, eigens für ein seelen- und nervenheilkundliches Fach eingerichteten Lehrstuhl. Heinroth ist somit der erste akademisch bestellte Hochschullehrer für Psychiatrie und Psychotherapie Europas und der westlichen Welt. "Psychiatrische Erkrankungen werden auch heute noch von manchen zwischen Einbildung und persönlichem Versagen eingeordnet", sagt der aktuelle Leiter der Leipziger Einrichtung, Prof. Dr. Ulrich Hegerl. "Oft wird von "seelischen" Erkrankungen gesprochen und diese den körperlichen Erkrankungen gegenübergestellt, obwohl psychische Erkrankungen selbstverständlich auch Erkrankungen des Körpers, genauer des Gehirns sind und für die Seele eigentlich eher der Pfarrer zuständig ist", meint Hegerl. "Auch wenn wir heute diese 200-jährige weltweite und Leipziger Tradition feiern, so ist die damals gestartete Entwicklung, psychische Erkrankungen so zu sehen und zu behandeln wie andere Erkrankungen auch, noch nicht abgeschlossen."


Von PREDI-NU bis OSPI - Forschung und Behandlung des 21. Jahrhunderts

An der Leipziger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie stehen mit drei Stationen und einer Tagesklinik 88 stationäre Behandlungsplätze sowie ambulante Behandlungsmöglichkeiten u. a. mit Spezialambulanzen für Affektive Störungen, Zwangsstörungen und Gedächtnisstörungen zur Verfügung. Von der Leipziger Klinik werden drei große europäische Forschungsprojekte koordiniert, die zum Ziel haben, depressiv Erkrankte besser zu versorgen und Suizide zu verhindern. Ein Projekt mit dem Namen PREDI-NU (Preventing Depression and Improving Awareness through Networking in the EU) entwickelt für Erkrankte mit leichteren Depressionen ein internetbasiertes Selbstmanagementprogramm. Es wird in Kooperation mit ausgewählten Hausärzten und verwandten Berufsgruppen erprobt. Längerfristig soll es in Deutschland und Europa dazu beitragen, Versorgungsdefizite (z.B. lange Wartezeiten bei der Suche nach einem Nervenarzt oder Psychotherapeuten) zu reduzieren. Die Europäische Kommission fördert das Projekt mit 1,8 Millionen Euro.
Um Suizidverhinderung durch gemeindebasiertes Eingreifen geht es bei OSPI-Europe (optimizing suicide prevention programs and their implementation in Europe), das von der Europäischen Kommission mit 3 Millionen Euro gefördert wird. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland mehr als 9.600 Suizide registriert, im Vergleich dazu belief sich die Zahl der Verkehrstoten auf 4.470, die der Drogentoten auf annähernd 830. Nach Schätzung von Prof. Hegerl sind 90 Prozent der Suizide auf eine psychiatrische Erkrankung zurückzuführen.
Im Rahme von OSPI-Europe wird auch das "Leipziger Bündnis gegen Depression" durchgeführt, ein vielschichtiges Interventionsprogramm mit einer PR-Kampage, Schulungen von Hausärzten, Lehrern, Pfarrern und anderen Gruppen sowie Unterstützung der Selbsthilfe, an dem viele Partner und ehrenamtlich Tätige in Leipzig beteiligt sind. "Burnout ist ein irreführender Modebegriff, der oft statt Depression verwendet wird, da es besser klingt. Depressionen werden aber meist nicht durch "Überarbeitung" ausgelöst und Urlaub oder langes Schlafen sind meist eher ungünstig oder sogar depressionsverstärkend", meint Hegerl. Nach seiner Beobachtung gebe es bei dieser Erkrankung keine steigenden Zahlen, wie häufig vermutet. Sie sei heute lediglich besser dokumentiert. "Behandlungsmöglichkeiten müssen fortentwickelt werden. Neben psychosozialen Projekten nimmt deshalb auch die neurobiologische Forschungsarbeit eine wichtige Rolle ein. In Leipzig untersuchen wir beispielsweise, warum sich Schlafentzug bei der Mehrzahl der depressiv Erkrankten positiv auf die Stimmung auswirkt", so Hegerl.


Heinroth - ein früher Vollzeitpsychiater

Der Leipziger Arztsohn Johann Christian August Heinroth (1773 - 1843) studierte ab 1791 an der Universität seiner Geburtsstadt Medizin. Nach praktischen Erfahrungen im städtischen Krankenhaus St. Jakob, das sich zeitgleich zum Universitätsklinikum entwickelte, und einer Italienreise erwarb er 1805 die Lehrberechtigung an der Medizinischen Fakultät und den Doktorgrad. Seitdem bürgte der Seelenheilkundler für regelmäßigen studentischen Unterricht in Psychiatrie, hielt beispielsweise eine "Einführung in die Heilung des Gemüts" ab. Weiterhin hatte er begonnen, psychiatrische Publikationen vorzulegen. Er mauserte sich also mit als erster Hochschullehrer überhaupt zu einem Vollzeitpsychiater und betrieb das Fach nicht nur nebenbei. Des Weiteren sah er dieses junge Fach Psychiatrie auch als persönliches Karrieresprungbrett. So ist seine Ernennung durch den König 1811 zum außerordentlichen Professor für Psychische Therapie im gewissen Sinne folgerichtig. Günstige Voraussetzungen für den Lehrstuhl schufen eine allgemeine Universitätsreform, die die Neuzuschneidung von Lehrfächern mit sich brachte, und die Entstehung des sächsischen Irrenversorgungssystems. Denn damit entstand überhaupt erst der Bedarf für eine fundierte, irrenärztliche Ausbildung. Im deutschsprachigen Raum sollte der Leipziger Lehrstuhl für Jahrzehnte einzigartig bleiben. Weitere entstanden erst in den 1840er Jahren in Berlin, Erlangen und Jena.

In den Jahren 1814 bis 1833, als Heinroth zusätzlich die Stellung als Hausarzt am städtischen Zucht-, Waisen- und Versorgungshaus St. Georg innehatte, bestand für ihn die Möglichkeit, die hier untergebrachten psychisch Erkrankten selbst zu beobachten, zu behandeln und im klinischen Unterricht zu demonstrieren. Heinroth war ein stark vom lutherischen Spätpietismus beeinflusster Mensch. Auch sein psychiatrisches Krankheitskonzept ist vor allem von seinem christlichen Weltbild geprägt. Als typischer Vertreter der romantischen Medizin verfolgte er ein anthropologisches Bild des Menschen und der Medizin. Sein Heilungskonzept enthält Vorannahmen heutiger psychotherapeutischer Verfahren. Er führte auch den Begriff des "Psychosomatischen" in die medizinische Weltliteratur ein. Wegweisend war zudem seine Neufassung des Depressionsbegriffes. Anstatt diesen zur Bezeichnung eines niedrigen Hirndruckes zu verwenden, füllte er ihn mit einem psychopathologischen Inhalt. Depression war für ihn ein Übermaß an Passivität. Dementsprechend definierte er die Melancholie als eine Depression des Gemüts. Auch findet sich in seinem Werk eine frühe Beschreibung der manisch-depressiven Erkrankung.
Der Name Gottlob Adolph Ernst von Nostitz und Jänkendorf darf in diesem Zusammenhang nicht fehlen. Er hat seit 1809 als Konferenzminister im Geheimen Rat des Königs die Reform der Irrenversorgung in Sachsen eingeleitet und die Leipziger Professur unterstützt. Unter ihm entstanden 1811 die erste Irrenheilanstalt, nämlich Pirna-Sonnenstein, und die Irrenpflegeanstalt Waldheim. Hier wurde irrenärztliches Personal benötigt, das an der Landesuniversität in Leipzig ausgebildet werden konnte.

Für PD Dr. Holger Steinberg vom Archiv für Leipziger Psychiatriegeschichte an der Universität Leipzig wurde Heinroth bislang verkannt. "Bedeutende, anthropologische Aspekte seines Werkes sind aufgrund seiner theologisch verbrämten Ansichten von neurobiologisch orientierten Psychiatern lange nicht wahrgenommen worden. Tatsächlich muss dieser engagierte Seelenheilkundler als bedeutender Wegbereiter der Psychiatrie angesehen werden und das mit internationaler Wirkung. Ein Glücksfall für Leipzig." Anlässlich des Jubiläums hat Steinberg das Wirken und die wissenschaftliche Bedeutung Heinroths zusammengetragen. Das Ergebnis wird u. a. in der Fachzeitschrift "Nervenheilkunde" veröffentlicht (Ausgabe 12/2011).