Nachruf für Prof. Dr. Hans Wußing

Pressemitteilung vom 29.04.2011
Nach langer schwerer Krankheit ist der emeritierte Ordinarius für Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften und ehemalige Direktor des Karl-Sudhoff-Instituts Prof. Dr. Hans Wußing am 26. April verstorben.
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Geboren 1927 hat er in Leipzig Mathematik, Physik und Chemie studiert und wurde 1957 mit einer Arbeit "Über Einbettungen endlicher Gruppen" promoviert. Im gleichen Jahr trat er als Assistent in das Karl-Sudhoff-Institut ein und widmete sich von da an der historischen Dimension der Mathematik. 1966 erfolgte die Habilitation über die Genese der Gruppentheorie im 19. Jahrhundert. Das mathematikhistorische Standardwerk erschien 1984 in englischer Übersetzung. Ab 1967 leitete Wußing im Sudhoff-Institut der Universität Leipzig die Abteilung für Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften, die Berufung auf den entsprechenden Lehrstuhl erfolgte 1970. Von 1977 bis 1982 war er Direktor des Instituts.

Im Zentrum seines universitären und wissenschaftsorganisatorischen Engagements, besonders 1967-1987 als Vorsitzender des Nationalkomitees der DDR für Geschichte der Wissenschaft, stand die Werbung für die Wissenschaftsgeschichte. Er konnte es als persönlichen Erfolg verbuchen, dass die Geschichte von Mathematik, Physik, Chemie und Biologie obligatorischer Bestandteil der Lehrerausbildung wurde. Unter schwierigen Bedingungen organisierte Wußing internationalen Wissenschaftsaustausch und schuf in Leipzig eine wissenschaftliche Schule, aus der über zwanzig Promotionen und Habilitationen hervorgingen. Mehr als 200 Publikationen stammen aus seiner Feder, darunter zahlreiche Bücher. Fast bis zuletzt hat er an Neuauflagen, Aktualisierungen, Überblicksdarstellungen und Handbüchern gearbeitet. Sein monumentales zweibändiges Werk "6000 Jahre Mathematik" wurde 2009 abgeschlossen. Zudem war Wußing Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Journale und Schriftenreihen, insbesondere leitete er 1967-1998 die Redaktion der Zeitschrift für Geschichte der Naturwissenschaften, Technik und Medizin (NTM).

Ab 1981 war Prof. Hans Wußing Ordentliches Mitglied der Académie Internationale d’Histoire des Sciences und wurde 1984 als Ordentliches Mitglied in die Sächsische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Dort war er bis 1998 Vorsitzender der Kommission für Wissenschaftsgeschichte und begleitete maßgeblich das 2004 abgeschlossene Langzeitvorhaben "J. C. Poggendorff Biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften". Zum 65. Geburtstag ist eine umfangreiche Festschrift bei Birkhäuser erschienen, und 1993 erhielt Wußing den renommierten Kenneth O. May-Preis der Internationalen Kommission für Geschichte der Mathematik (ICHM).

Die Universität und insbesondere das Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften nimmt Abschied von einem ebenso kundigen wie liebenswürdigen Kollegen, der auch im Ruhestand dem Haus persönlich verbunden blieb und stets als Ansprechpartner zur Verfügung stand.

Prof. Dr. Dr. Ortrun Riha