Kleine Genvariante mit großer Auswirkung

Pressemitteilung vom 20.12.2012
Leipziger Adipositasforscher helfen, das sogenannte FTO-Gen zu entschlüsseln. Das Wissenschaftsmagazin „Nature“ berichtete über eine Variante im FTO-Gen (fat mass and obesity-associated gene), die (bekanntermaßen) nicht nur das Risiko für Adipositas steigert, sondern bei den Trägern dieser Genvariante auch zu einer größeren Variabilität des Körpergewichts führt. Das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen beteiligte sich an der groß angelegten Analyse der Daten von 170.000 Probanden. Das internationale Forschungsprojekt stand unter der Leitung der University of Queensland (Australien).

"In dieser Untersuchung ist es erstmals gelungen, die Auswirkungen von Genvarianten auf komplexe menschliche Eigenschaften wie etwa das Gewicht und den Body Mass Index systematisch darzustellen und gleichzeitig zu zeigen, dass es bei diesen Auswirkungen bestimmte Bandbreiten, also Variabilität, gibt", unterstreicht Prof. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Leiter des IFB.

Gen ist nicht gleich Gen

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Gene entdeckt, die Einfluss auf das Körpergewicht haben. Das FTO-Gen auf dem Chromosom 16 beeinflusst mehr als andere Gene, die mit Adipositas (Fettleibigkeit) assoziiert sind, das Körpergewicht und den Body Mass Index (BMI) des Menschen. Dies konnten u.a. auch Leipziger Forscher um Prof. Wieland Kieß, Prof. Anja Körner und Privatdozent Dr. Peter Kovacs 2007 und 2008 nachweisen. Jeder Mensch besitzt das FTO-Gen; doch nur bestimmte Varianten im Aufbau der DNA (Nukleotidsequenz) haben einen signifikanten Einfluss auf das Körpergewicht. Bei der in "Nature" beschriebenen Variante im FTO-Gen, handelt es sich um den so genannten Single Nukleotid Polymorphism (SNP) rs7202116. Es ist bereits bekannt, dass Personen, die nur eine Kopie davon besitzen, ein 30 Prozent höheres Risiko für die Entwicklung von Übergewicht aufweisen. Bei Personen mit zwei Kopien (vererbt von Vater und Mutter) steigt das Risiko sogar auf 70 Prozent an. Rund ein Sechstel der europäischen Bevölkerung besitzt zwei Kopien in ihrem Erbgut.

Auswirkungen der FTO-Genvariante auf das Gewicht

Wenn zwei Kopien der FTO-Genvariante rs7202116 vorliegen, sind die Betroffenen im Schnitt 3 kg schwerer und der BMI ist um 0,8 kg/m2 größer. Darüber hinaus konnten die Forscher nun erstmals zeigen, dass auch die Variabilität des Gewichts und des Body Mass Index (BMI) durch diese Variante im FTO-Gen beeinflusst wird. In der Gruppe von Menschen, die zwei Kopien dieser Variante tragen, gab es größere Gewichtsunterschiede zwischen den verschiedenen Individuen, also eine größere Variabilität des Körpergewichts, als in der Gruppe von Personen, die nur eine oder keine entsprechende FTO-Genvariante haben.

Es muss jedoch betont werden, dass die Effekte relativ klein sind. Bei Patienten mit deutlichem Übergewicht, geht dies nicht nur auf die FTO-Genvariante, sondern noch auf weitere Faktoren wie etwa den Lebensstil zurück. Dass ein Gen allein Übergewichtigkeit erklären kann, gilt schon lange als sehr unwahrscheinlich.

Wirkung von Umwelteinflüssen abhängig von Gentyp

Da das Körpergewicht in der Gruppe der Menschen mit zwei Kopien von rs7202116 größere Unterschiede aufwies, liegt der Schluss nahe, dass sich bei diesen Menschen Umwelteinflüsse stärker auf das Gewicht auswirken und dieses sowohl nach oben als auch nach unten beeinflussen. Träger des Risikogens neigen also nicht nur zu mehr Übergewicht, sondern sind darüber hinaus auch anfälliger, mit mehr (oder weniger) Übergewicht zu reagieren, wenn weitere Faktoren hinzukommen. Umwelteinflüsse scheinen in den Gruppen mit nur einem oder keinem SNP rs7202116 weniger starke Auswirkungen auf das Gewicht zu haben; die Gewichts-Bandbreite war kleiner. Der Effekt von Umwelteinflüssen - etwa von Sport oder von Ernährungsweisen - auf die unterschiedlichen Gruppen wurde allerdings in Visschers Analyse nicht untersucht.

Chancen für die Adipositasbehandlung?

Stumvoll sieht die Chancen der zukünftigen Forschung, denn "in weiteren Studien könnte der Zusammenhang von Gentyp und bestimmten Umwelteinflüssen interessant sein und Rückschlüsse darauf zulassen, bei welchem Gentyp, welche äußeren Faktoren auch therapeutisch nutzbar wären." Für Übergewichtige sind die derzeitigen wissen¬schaftlichen Erkenntnisse aber noch keine Entwarnung, denn bisher sind weder das FTO-Gen noch die etwa 30 anderen Gene, die eine Adipositas begünstigen, therapeutisch beeinflussbar. Wichtig ist allerdings, "dass hauptsächlich der Lebensstil darüber entscheidet, ob eine solche Genvariante zum Tragen kommt", so Stumvoll.

Veröffentlichung:
Jian Yang et al. FTO genotype is associated with phenotypic variability of body mass index.
Nature 490, 267–272
doi:10.1038/nature11401
Online unter: www.nature.com/nature/journal/v490/n7419/full/nature11401.html


Das IFB AdipositasErkrankungen ist eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Es ist eine gemeinsame Einrichtung der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig (AöR). Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung adipöser Patienten integriert werden können. Am IFB AdipositasErkrankungen gibt es derzeit über 40 Forschungsprojekte. Zur Patientenversorgung stehen eine IFB AdipositasAmbulanz für Erwachsene und eine für Kinder und Jugendliche zur Verfügung. Das IFB wird das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.