Hilfe für Menschen, die an Demenz Erkrankte betreuen

Pressemitteilung vom 26.07.2012
Der besseren Lebensqualität und Gesundheit von Menschen, die an Demenz Erkrankte betreuen, widmet sich ein Projekt der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie und der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Ziel ist es, das in den USA erfolgreiche Verfahren "REACH" an deutsche Verhältnisse anzupassen und seine Wirksamkeit zu bewerten.

Wer an Demenz erkrankte Menschen pflegt, muss viele Einschränkungen in Kauf nehmen. Angehörige leiden unter stärkeren Belastungen als Pflegende von allein körperlich Gebrechlichen. Insbesondere Erscheinungsformen der Demenz wie psychotische Symptome, Depression und herausfordernde Verhaltensweisen machen den Angehörigen zu schaffen.

Der Gesundheit und Lebensqualität dieser pflegenden Angehörigen widmet sich ein Projekt, das unter Leitung von Prof. Elmar Brähler und Prof. Hermann-Josef Gertz beginnt. Um es zu finanzieren, beantragten die Leipziger Wissenschaftler über das Förderprogramm "Zukunftswerkstatt Demenz" des Bundesministeriums für Gesundheit für ihre 36 Monate umfassende Untersuchung 240.000 Euro Fördermittel. Nach der kürzlich erfolgten Zusage werden jetzt die Vorbereitungen für den Start des Projektes "Deutsche Adaptation der Ressources to Enhance Alzheimer Caregivers Health - DeREACH" abgeschlossen. Es liegt in den Händen des Psychologen Dr. Martin Berwig und der Pflegewissenschaftlerin Stephanie Heinrich.

Amerikanisches Modell...

Angestrebt ist, das in den USA entwickelte Verfahren an deutsche Verhältnisse anzupassen. "Bei REACH geht es um eine ressourcenorientierte, gesundheitliche Stabilisierung des Wohlbefindens von pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz", erläutert Gertz. "Trotz seiner Vorzüge und nachgewiesenen Effektivität ist es bisher im deutschsprachigen Raum nicht angewendet worden. Ziel unserer Untersuchung ist die deutsche Übersetzung und Adaptation des Verfahrens. Danach soll es im Rahmen des Leipziger Netzwerks der gerontopsychiatrisch-geriatrischen Verbünde eingebunden werden."

Das Entscheidende am REACH-Verfahren ist die Betreuung der Pflegenden in ihrem alltäglichen privaten Umfeld. "Es wird den ohnehin schon Überlasteten nicht abverlangt, dass sie Sprechstunden oder Seminare besuchen", erläutert Heinrich. "Oft ist schon die Tatsache, dass der zu Betreuende nicht allein bleiben kann, ein Hindernis für die Nutzung von Angeboten. Während der Hausbesuche jedoch können die ganz individuellen Probleme dort, wo sie entstehen, besprochen und möglicherweise gelöst werden. Und dabei geht es nicht nur um medizinisches Wissen und praktische Pflegeratschläge. Es steht ganz gezielt der Pflegende im Mittelpunkt. Beispielsweise werden mit ihm Entspannungstechniken geübt."

Berwig ergänzt: "Wir konnten nicht automatisch davon ausgehen, dass das in den USA erfolgreiche Vorgehen in Deutschland eins zu eins funktioniert. Es musste nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell übersetzt werden. Beispielweise sind hierzulande die in den USA praktizierten Telefonkonferenzen über ein computerassistiertes, integriertes Telefonsystem weniger üblich."

...wird in Leipzig getestet

Es geht also darum, REACH an deutsche - vorerst nur Leipziger - Verhältnisse anzupassen und dessen Nutzen zu ermitteln. Eingeschlossen in die Studie werden 154 pflegende Angehörige, die von an der Universität speziell geschulten Leipziger Pflegefachkräften mit dieser zusätzlichen Leistung versorgt werden. Eine Kontrollgruppe erhält die Regelversorgung. Hauptzielgröße für die begleitende Evaluation ist die Belastung der pflegenden Angehörigen. Diese müssen Fragen beantworten, inwieweit sich ihre Gesundheit und Lebensqualität durch die Unterstützung über das Projekt verändert hat.

Nach Projektende wird DeREACH als niedrigschwelliges Angebot und Leistung der Regelversorgung in der bereits bestehenden gerontopsychiatrisch-geriatrischen Verbundstruktur der Stadt Leipzig weitergeführt. Finanziert wird die zusätzliche Versorgung dann über die im Sozialgesetzbuch verankerten Mittel, die Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, unabhängig von der eigentlichen Pflegeleistung, in Anspruch nehmen können. Ein weiteres Ergebnis des Projektes soll ein Handbuch werden, dass das Programm umfassend beschreibt und es ermöglicht, das Hausbesuchsprogramm deutschlandweit durch Pflegedienste oder andere Einrichtungen anzubieten.

Pflegende Angehörige aus Leipzig, die daran interessiert sind, an der Studie teilzunehmen, können sich ab sofort bei Schwester Karen melden (Tel.: 0341-9724577).

Fakten zu Demenzerkrankungen

Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen in Deutschland steigt kontinuierlich. Leben in Deutschland heute rund 1,2 Mio. Menschen mit Demenz, wird sich die Zahl der Betroffenen nach Schätzung des Statistischen Bundesamts im Jahr 2040 auf knapp 2 Mio. erhöhen. Gleichzeitig wächst der Anteil der Menschen mit Demenz an der Gesamtbevölkerung, der in Deutschland heute bei etwas über 1.600 je 100.000 Einwohner liegt.

Marlis Heinz