Borte erhält Publikationspreis des TRM Leipzig

Pressemitteilung vom 24.04.2012
Den Publikationspreis des Translationszentrums für Regenerative Medizin (TRM) Leipzig erhält in diesem Jahr Dr. Stephan Borte für seine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift "Blood" der US-amerikanischen Gesellschaft für Hämatologie. Als Erstautor publizierte Dr. Borte gemeinsam mit Kollegen des renommierten Karolinska Institutet Stockholm und des St. Georg Krankenhauses Leipzig über eine neuartige Methode, mit der angeborene Defekte des Immunsystems bereits bei Neugeborenen erkannt werden können. Verliehen wird der dotierte Publikationspreis anlässlich der Mitgliederversammlung des TRM Leipzig am 27. April 2012.

Über 200 Krankheitsbilder gehören zur Gruppe der primären Immundefekte (PID). Sie beruhen auf angeborenen Störungen des Immunsystems, die zu einer deutlich verminderten Produktion von schützenden Immunzellen und Antikörpern führen. Da primäre Immundefekte seltene Erkrankungen sind, laut Schätzungen reicht die Häufigkeit von 1:500 bis 1:100.000, verzögert sich die Diagnose und somit die Therapie oftmals über längere Zeiträume. Als zwei besonders schwere Formen primärer Immundefekte gelten die Erkrankungen XLA und SCID. Dabei liegt der X-chromosal vererbten Agammaglobulinämie (XLA) ein Mangel an B-Abwehrzellen zur Bekämpfung bakterieller Infektionen zugrunde, während der schwere kombinierte Immundefekt (SCID) auf einem Mangel an B- sowie an T-Abwehrzellen basiert, die zum Schutz gegen Pilze und Viren benötigt werden. Beide Krankheitsbilder führen zu schweren Infektionen vor allem der Atemwege, die zu dauerhaften Schädigungen insbesondere der Lungen führen können. Unerkannt und unbehandelt sterben über 90 Prozent der Kinder mit einem SCID; bei der XLA entstehen chronische Probleme im Bereich der Atemwege schon im Kindesalter. Werden SCID und XLA hingegen frühzeitig - das heißt unmittelbar nach der Geburt - diagnostiziert, kann erfolgreich mittels Stammzelltransplantation oder einer kontinuierlichen Antikörper-Substitution therapiert werden. Nur so lässt sich die Prognose für die Patienten ebenso verbessern wie ihre Lebensqualität.

Neues Testverfahren entwickelt

Der grundlegende Schritt hin zur frühestmöglichen Diagnose beider primärer Immundefekte SCID und XLA ist nun den Wissenschaftlern um Dr. Stephan Borte gelungen. In Kooperation zwischen dem Karolinska Institutet Stockholm, dem St. Georg Krankenhaus Leipzig und dem Translationszentrum für Regenerative Medizin der Universität Leipzig wurde ein neues routinetaugliches Testverfahren entwickelt. "Wir wollten zwei Fragen lösen", skizziert Dr. Borte. "Zum einen wollten wir wissen, wie sich das Defizit an B-Abwehrzellen bei XLA sowie an B- und T-Abwehrzellen bei SCID nachweisen lässt. Und zum anderen sollte dieser Nachweis simultan aus der gleichen Probe möglich sein." Mit der doppelten Perspektive wählten die Wissenschaftler einen prinzipiell neuen Ansatz im Vergleich zu den Untersuchungen, die seit den 1990er Jahren auf diesem Gebiet liefen. Für die neu entwickelte Methode wird eine kleine Trockenblutprobe mittels eines molekularbiologischen Verfahrens analysiert. Der Nachweis erfolgt über Marker, die sowohl sensitiv als auch spezifisch für B- und T-Abwehrzellen sind. Sind diese Marker nicht zu finden, dann ist klar, dass der Organismus des Neugeborenen diese Abwehrzellen nicht bilden kann und die primären Immundefekte XLA bzw. SCID vorliegen. Das Ergebnis publizierten die Wissenschaftler nach zwei Jahren Forschung in der US-amerikanischen Fachzeitschrift "Blood". Als Erstautor des Fachbeitrages erhält Dr. Stephan Borte am 27. April den Publikationspreis des TRM Leipzig.

In der Entwicklung des neuen molekularbiologischen Nachweisverfahrens hat das Forscherteam die Methode zugleich so konzipiert, dass sie nahtlos in bestehende Neugeborenen-Screenings integriert werden kann. "Wenn wir zwar seltene, aber eben äußerst schwere Immundefekte wie XLA und SCID gleich mit der Geburt erkennen können, gewinnen wir Zeit", erläutert Dr. Stephan Borte. "Zeit, die gebraucht wird, um eine gezielte Therapie vorzubereiten und durchzuführen."

Modellvorhaben geplant

Inzwischen kann Dr. Borte, der parallel zu seinen langjährigen Forschungen am Karolinska Institutet Stockholm seit 2011 als Investigator am TRM Leipzig die Arbeitsgruppe "Regenerative Therapie der Antikörperproduktion bei Patienten mit primären Immundefekten" leitet, eine hohe Resonanz verzeichnen. Derzeit arbeiten verschiedene europäische Länder wie Schweden, Frankreich und Großbritannien daran, diesen neuartigen Screeningtest in die reguläre Praxis zu überführen. Ebenso laufen aktuelle Gespräche mit den Freistaaten Sachsen und Thüringen sowie Krankenkassen, ein Modellvorhaben zur Etablierung der neuen Methode zu initiieren. Derartige Pilotvorhaben sollen dem Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA als Grundlage dienen für die Erweiterung geltender medizinischer Standards wie dem Neugeborenen-Screening. Für Sachsen hat Christine Clauß, Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz, bereits Unterstützung für das Pilotprojekt "SCREEN-ID" am ImmunDefektCentrum Leipzig am Klinikum St. Georg zugesagt.

Das Translationszentrum für Regenerative Medizin Leipzig wurde im Oktober 2006 mit dem Ziel gegründet, neuartige Diagnostik- und Therapieformen der regenerativen Medizin zu entwickeln, zu evaluieren und in die klinische Anwendung zu überführen. Die Arbeit des Zentrums wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Freistaat Sachsen gefördert. Die Forschung in der regenerativen Medizin, einem relativ jungen Zweig der Biomedizin, ist auf die Heilung bzw. funktionelle Wiederherstellung erkrankter Gewebe und Organe durch die Anregung körpereigener Regeneration oder durch biologischen Ersatz.

Daniela Weber