Erste blutgruppeninkompatible Nierentransplantation am Universitätsklinikum Leipzig

Pressemitteilung vom 31.05.2011
Erstmals wurde am Universitätsklinikum Leipzig eine blutgruppenunverträgliche Lebendnierentransplantation (sog. AB0-inkompatible Nierentransplantation) erfolgreich durchgeführt. Kurz vor dem Tag der Organspende am 4. Juni 2011 konnten Frau Dr. Anette Bachmann, Transplantationsspezialistin der Sektion Nephrologie an der Klinik für Endokrinologie und Nephrologie und Herr Dr. Michael Bartels, Transplantationschirurg der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Transplantations-, Thorax- und Gefäßchirurgie, bestätigen, dass die Transplantation bei einem Studenten gelungen sei.
Bild vergrößern Vater und Sohn glücklich nach der erfolgreichen Transplantation: Friedmar Peters (58) und Patrick Peters (25)  

Der 25jährige Patrick Peters aus Sachsen wurde am 12. Mai 2011 mit einer Niere seines 58jährigen Vaters Friedmar Peters transplantiert. Aufgrund der unterschiedlichen Blutgruppen von Empfänger und Spender war die blutgruppeninkompatible Nierentransplantation die einzige Möglichkeit, um eine Wartezeit von bis zu fast 8 Jahren(!) auf ein Spenderorgan abzukürzen. Nach Aussagen der behandelnden Internistin und Nephrologin Frau Dr. Bachmann habe sich in der Zeit nach dem Eingriff der Gesundheitszustand des Organempfängers normalisiert.

Bei der blutgruppeninkompatiblen Transplantation weisen Spender und Empfänger verschiedene Blutgruppen auf, eine Konstellation, bei der gewöhnlich nicht transplantiert werden kann. In einem langwierigen Verfahren, das bei dieser speziellen Nierentransplantation vier Wochen vor der eigentlichen Operation beginnt, werden die gegen die Blutgruppe des Spenders gerichteten Antikörper im Empfänger mittels einer speziellen Blutwäsche, der Immunadsorption, entfernt. Im konkreten Fall musste diese präoperative Prozedur der Blutwäsche viermal wiederholt werden. Gleichzeitig wurde die Nachbildung dieser Antikörper medikamentös unterbunden. Neun Tage vor dem geplanten Eingriff begann man mit der üblichen Triple-Immunsuppression unter stationärer Beobachtung.

Die Operation am 12. Mai 2011 erforderte ein interdisziplinäres Zusammenspiel von Nephrologen und Chirurgen, Immunologen und Transplantationsspezialisten. Für das chirurgische Team um Prof. Dr. Sven Jonas und Dr. Michael Bartels ist dies ein wichtiger Bestandteil der klinischen Prozesse: „In diesem Zusammenwirken der Fachrichtungen liegt die Stärke unseres Klinikums, um derartige Transplantationen durchführen zu können.“

„Die größte Herausforderung in der postoperativen Phase ist die Verhinderung der Neubildung von Antikörpern“, betonte Frau Dr. Bachmann, die Empfänger wie Spender seit mehr als einem Jahr betreut. Denn Mitte 2010 verschlechterte sich der Gesundheitszustand aufgrund des fortgeschrittenen Nierenversagens so stark, dass eine Therapie mit einer Bauchfelldialyse notwendig wurde. Obwohl die Dialyse lebensrettend ist, kann sie nur etwa 10% der normalen Nierenfunktion ersetzen. Somit überleben die Patienten zwar, aber bleiben in einem chronischen Vergiftungszustand, der über die Jahre seinen Tribut fordert. „Dieser Zustand hätte bei der derzeitigen Lage der Transplantationen in Deutschland bis zu 8 Jahre andauern können“, so die Medizinerin. Für den Vater des Studenten stand es von Anfang an fest, dass er seinem Sohn eine Niere spenden wollte. „Mein Sohn sollte wieder ein richtiges Leben führen können“, kommentierte er seinen Schritt. Der Geschäftsführer einer Raiffeisengenossenschaft in Penig hat den Eingriff ebenfalls gut verkraftet und zeigte sich noch am Abend der Operation erleichtert, als er das erste Mal vom Aufwachraum mit seinem Sohn telefonieren konnte, der seit 2005 Geschichte und Philosophie an der Universität Leipzig studiert.

In Deutschland gibt es ca. 67.000 Dialysepatienten, davon stehen ca. 8.500 auf der Transplantationswarteliste. Jährlich können aber nur ungefähr 2.500 Nierentransplantationen durchgeführt werden. Daher beträgt die durchschnittliche Wartezeit 6 bis 8 Jahre. Die nun auch am Universitätsklinikum Leipzig durchführbare Methode der AB0-inkompatiblen Lebendnierentransplantation eröffnet somit die Möglichkeit, die Wartezeiten für einige Patienten zu verkürzen bzw. eine Transplantation bei verschiedenen Blutgruppen überhaupt erst einmal zu ermöglichen. Die Transplantationsrate könnte um 10 bis 20 Prozent gesteigert werden.

Vor diesem Hintergrund plädieren die Mediziner nicht nur in Leipzig für eine Diskussion über die Änderung des Transplantationsgesetzes aus dem Jahre 1997 sowie eine Steigerung der Spendenbereitschaft in der Bevölkerung. Prof. Tom Lindner, Leiter der Sektion für Nephrologie am Universitätsklinikum Leipzig, vergleicht die deutsche Gesetzgebung mit der anderer Länder. „In Deutschland gilt die erweiterte Zustimmungslösung, wonach die Organe eines Toten nur entnommen werden dürfen, wenn entweder der Verstorbene einen Organspendeausweis trägt oder die nächsten Angehörigen der Organentnahme zustimmen. In anderen westeuropäischen Ländern bestimmt die sogenannte Widerspruchsregelung, dass ein Verstorbener jederzeit als Spender in Frage kommt, es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich einer Spende widersprochen.“ Dies sei ein Weg, der auch in Deutschland gegangen werden könnte, um den gravierenden Mangel an Spenderorganen einzudämmen und weitaus mehr Patienten eine bessere Lebensqualität zukommen zu lassen.

Die Nierentransplantationsrate von Lebendorganen in Deutschland beträgt derzeit ca. 20 Prozent. In Europa sind Schweden mit 30 und Norwegen mit 53 Prozent Vorreiter. Weltweit führen die asiatischen Staaten wie Korea und Japan aufgrund ihrer Kultur mit Werten über 90 Prozent in der Lebendorgantransplantation.

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