In der Adipositas-Falle

Pressemitteilung vom 06.05.2011
Ist Adipositas eine beherrschbare Krankheit? Das war die zentrale Frage einer Podiumsdiskussion des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig, durch die Fernsehmoderatorin und Medizinjournalistin Dr. Franziska Rubin geführt hat. Das Fazit: Ja, Adipositas ist eine Krankheit, sogar eine ernstzunehmende Epidemie. Beherrschbar ist sie, aber nicht immer – jedenfalls noch nicht. Doch es gibt Hoffnung, der „Adipositas-Falle“ zu entkommen. Gefragt sind Forschung, Aufklärung, Bewusstsein und Motivation. Jeder Einzelne ist in der Pflicht, aber auch die Gesellschaft als Ganzes.

Wann wird ein Mensch dick? Warum werden immer mehr Menschen krankhaft übergewichtig und das bereits im Kindesalter? Was bedeutet das für den Betroffenen und die Gesellschaft? Und: Kann man helfen? Fragen, die sich auch Ärzte und Wissenschaftler des IFB stellen - und bereits erste Antworten gefunden haben.

Adipositas – eine komplexe Erkrankung

„Wir alle tragen die Neigung in uns, mehr zu essen als nötig, weil es angenehm ist. Essen hat schließlich auch eine Lustkomponente“, sagt Prof. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Leiter des IFB in Leipzig. Das ist ein kleiner Trost, weil es die von der Gesellschaft schnell gestellte Schuldfrage ein wenig abschwächt. Fakt ist, dass Adipositas eine Erkrankung ist, an der immer mehr Menschen leiden. „Schon längst ist unsere Gesellschaft auf dem Weg zu einer neuen Norm“, so Stumvoll. Ursachen dafür gibt es viele und in fast jedem Fall führt eine Kombination aus mehreren Gründen dazu, dass Menschen adipös werden. „Es ist das Zusammenwirken von Erbfaktoren, Bewegungsmangel und falscher Ernährung, oft gepaart mit unzureichender Bildung und geringem Einkommen“, sagt Prof. Wieland Kiess, Experte für Kinder- und Jugendmedizin. „Schuldfrage und Vergebung gehören in den Gerichtssaal“, meint auch Dr. Jens Ried, Experte für Ethik und Medizinethik mit Schwerpunkt Adipositas aus Erlangen. „Stattdessen muss man die Frage nach Verantwortung und nach der Zukunft stellen. Und eines ist klar: Die Lösung muss von uns allen mitgetragen werden.“

Die Adipositas-Falle

Das ist keine leichte Aufgabe, aber machbar. Und zwar durch Prävention. Bereits im Kindesalter zwischen zwei und vier Jahren beginnt sich die Adipositaserkrankung zu entwickeln. „Wenn Kinder selbstständig, unabhängig und mobil werden, muss man ansetzen“, so Prof. Wieland Kiess. „Kinder brauchen ein gesundes, positives Aufwachsen, dann wird Adipositas kein Thema mehr sein. Deshalb arbeiten wir auch immer mit der ganzen Familie.“ Die Familie ist jedoch nur eine Komponente. Auch Politik, Ökonomie und der Stand der Technik tragen dazu bei, dass wir alle in der „Adipositas-Falle“ stecken. In keinem anderen Land sind insbesondere hochkalorische Nahrungsmittel so billig wie in Deutschland. Deshalb sieht der Gesundheitsökonom Prof. Hans-Helmut König aus Hamburg auch einen direkten Zusammenhang zwischen Adipositasepidemie und Ökonomie: „Unser gesamter Alltag ist von Kosten-Nutzen-Abwägungen geprägt. Das gilt für unsere Ernährung, aber auch für Bewegung.“ Getreu dem Prinzip der Kraftersparnis nehme man nicht nur lieber den Fahrstuhl statt die Treppe, sondern eben auch die billigeren Sattmacher. „Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Adipositas nicht mehr nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ist“, so Kiess.

„Kinder brauchen Zeit für Bewegung“

Verstärkt wird der Trend hin zu hochkalorischen Lebensmitteln und Bewegungsmangel auch durch politische Entscheidungen. „Es werden beispielsweise nicht gerade die gesunden und guten Lebensmittel subventioniert“, so König. „Auch stundenlanges Sitzen in der Schule und gestrichener Sportunterricht haben Anteil daran, dass sich Kinder immer weniger bewegen“, so Kiess. „Aus Innenstädten verschwinden Spielplätze, wo sich Kinder austoben können. Da muss man sich nicht wundern, wenn Kinder übergewichtig werden. “

„Ohne motivierte Patienten geht es nicht“

Gegen diese gesellschaftlichen Trends sei auch die Medizin machtlos, so Prof. Stumvoll. Kalorien werden billig bleiben und die Bequemlichkeit wird durch technische Weiterentwicklungen zunehmen. „Deshalb ist es unsere Aufgabe, allen diese Falle zu erklären, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und dazu zu motivieren, Dinge im Alltag zu verändern.“ Adipositas kann nur dann erfolgreich behandelt werden, wenn auch der Patient das will. Diejenigen, die den Weg ins IFB bereits gefunden haben, wollen auch. „Behandelt wird hier jeder ganz individuell, weil es immer um eine individuelle Ausprägung des gleichen Krankheitsbildes geht“, so Stumvoll. Ein Allgemeinrezept gebe es jedoch nicht, auch wenn die Mehrheit das hofft. Und natürlich ist der Weg in Richtung Normalgewicht lang und schwer. Abnehmen bedeutet nicht nur, an sich selbst zu arbeiten und gegen die eigenen Pfunde zu kämpfen, sondern auch gegen Diskriminierung.

Sachliche Diskussion statt Wertung

Denn auch die gesellschaftliche Stigmatisierung ist es, die dazu führt, dass sich viele Betroffene zurückziehen und nicht einmal den Schritt zum Arzt wagen. „Auch ich bin bei diversen Ärzten auf Unverständnis gestoßen. Mir wurde immer nur gesagt: Nehmen Sie erst einmal ab! Dabei helfen wollte mir niemand“, sagt Maud Schreiber, die die IFB-Selbsthilfegruppe für Menschen mit Adipositas in Leipzig besucht. Nicht zuletzt wegen der gesellschaftlichen Diskriminierung brauche das Thema Adipositas eine sachliche Diskussion. „Wir müssen offen über dieses Gesundheitsproblem reden, aber wir müssen uns davon trennen, es zu bewerten“, so Dr. Jens Ried. Nur so lässt sich das Problem Adipositas lösen – wenn auch erst in der nächsten Generation, so seine Vermutung.

Carmen Brückner

Moderation Dr. Franziska Rubin, Fernsehmoderatorin und Medizinjournalistin Podiumsteilnehmer Prof. Dr. Michael Stumvoll, Direktor der Klinik für Endokrinologie und Nephrologie, UKL und Wissenschaftlicher Leiter des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum für AdipositasErkrankungen Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin und stellvertretender Leiter des Integrierten Forschungs- und behandlungszentrum für AdipositasErkrankungen Prof. Dr. Hans-Helmut König, Geundheitsökonom, Experte für Kosten der Adipositas, Universität Hamburg Dr. Jens Ried, perte für Ethik/Medizinethik, Schwerpunkt Adipositas, Universität Erlangen Maud Schreiber, Mitglied der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Adipositas am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum für AdipositasErkrankungen

Das IFB AdipositasErkrankungen ist ein gemeinsames Zentrum der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig AöR. Es wird als eines von acht Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Ziel der Bundesförderung ist es, Forschung und Behandlung interdisziplinär so unter einem Dach zu vernetzen, dass Ergebnisse der Forschung schneller als bisher in die Behandlung integriert werden können. Das IFB AdipositasErkrankungen betreut mittlerweile über 36 Forschungsprojekte und wird mit über 120 Mitarbeitern das Feld der Adipositasforschung und -behandlung in den nächsten Jahren kontinuierlich ausbauen.

Carmen Brückner

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