Wunsch-Kaiserschnitt ist für Schwangere risikoreicher als normale Geburt

Pressemitteilung vom 05.11.2003
Spezialist des Universitätsklinikums Leipzig sieht den Trend zu immer mehr Kaiserschnitt-Geburten mit Sorge und empfiehlt Frauen, normal zu entbinden, wenn keine medizinischen Gründe dagegen sprechen.

Leipzig - Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden erfolgen immer mehr Geburten durch Kaiserschnitt. Einer der Hauptgründe für diesen Trend ist der Wunsch vieler Frauen, ihr Kind operativ zu entbinden. Prominente wie Verona Feldbusch und Claudia Schiffer sprechen sich öffentlich für die ''Sectio caesarea'' aus.


Zum Thema ''Wunsch-Kaiserschnitt'' befragten wir Prof. Dr. Renaldo Faber, Spezialist für Pränatal- und Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig.


Jedes vierte bis fünfte Kind in Deutschland erblickt per Kaiserschnitt das Licht der Welt - Tendenz steigend. Nicht jeder Kaiserschnitt ist medizinisch notwendig, aber die Schwangeren wünschen sich den Eingriff. Wie bewerten Sie als Mediziner diesen so genannten Wunsch-Kaiserschnitt?


Die so genannte Wunsch-Sectio ist ein Kaiserschnitt ''ohne medizinische Indikation'', d.h. ohne medizinische Notwendigkeit. Dies widerspricht eigentlich unserer ärztlichen Ethik und nach wie vor wird dieses Thema kontrovers in der Ärzteschaft diskutiert. Auf der einen Seite steht das Selbstbestimmungsrecht der Frau als hohes Gut unserer Gesellschaft. Auf der anderen Seite muss eine Körperverletzung erfolgen, die nicht gerechtfertigt ist und immer noch mit höheren Risiken für die werdende Mutter einhergeht. Ich persönlich bewerte die Wunsch-Sectio in erster Linie als ein Versagen der behandelnden Geburtsmediziner, die die Schwangere nicht von der Ästhetik und Unbedenklichkeit einer normalen Geburt überzeugen konnten.


Welche Risiken gehen damit einher?


Der Kaiserschnitt, auch der Wunsch-Kaiserschnitt, ist mit einem höheren Risiko als die normale, vaginale Geburt für die Mutter verbunden. Solche Risiken und Komplikationen sind, immer die größte Sorgfalt vorausgesetzt, Verletzungen der Blase und des Darmes, stärkere Blutungen, Blutgerinnselbildung und Embolie, Infektionen des Bauchraumes und eine längere Verweildauer im Krankenhaus. Und ''last but not least'' ist auch die Sterblichkeit der Mütter um den Faktor 3 erhöht.


Welche Beweggründe haben die Frauen nach Ihrer Erfahrung, sich von vornherein für den Kaiserschnitt zu entscheiden - trotz des höheren Risikos?


Da es sich bei Frauen mit Wunsch-Sectio, die sonst keine Indikationen bieten, hauptsächlich um Erstgebärende handelt, ist der häufigste Beweggrund eine imaginäre Angst vor einer normalen Geburt. Diese Angst entspringt Erzählungen anderer Frauen und entbehrt jeglicher Objektivität. Einige Frauen glauben, durch einen Kaiserschnitt ihren Körper zu schonen. In ganz seltenen Fällen möchten Frauen alles nach Programm und Zeitplan ablaufen lassen.


Wie viele Entbindungen werden überhaupt per Kaiserschnitt durchgeführt und wie hoch ist der Anteil der ''Wunsch-Kaiserschnitte''?


In Deutschland werden zwischen 20-25% der Frauen durch Kaiserschnitt entbunden. An unserer Klinik liegt die Rate bei ca. 20%, wobei wir als Perinatalzentrum einen sehr hohen Anteil an Risikogeburten haben. Für die Rate an Wunsch-Kaiserschnitten gibt es noch keine einheitlichen Statistiken, aus ersten Publikationen ist aber eine Rate von ca. 5% ablesbar. An unserer Klinik empfehlen wir grundsätzlich die normale, vaginale Geburt, wenn keine Indikationen für eine Sectio vorliegen.


Gibt es beim Wunsch-Kaiserschnitt Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern?


Einen Unterschied zwischen den Geburtsmedizinern in den alten und neuen Bundesländern würde ich nicht machen. Der Unterschied wird durch die Einstellung der Ärzte zur modernen Geburtsmedizin und durch ihre geburtsmedizinischen Fähigkeiten definiert. Dort wo die Ärzte klassische und moderne Geburtshilfe mit Liebe und Zeitaufwand verbinden, wird der Anteil an Wunsch-Kaiserschnitten deutlich kleiner sein. Zur Zeit führen nur ca. 70 % der Kliniken in Deutschland auf Wunsch einen Kaiserschnitt durch.


Was empfehlen Sie Schwangeren, die noch überlegen, wie sie entbinden möchten?


Die Frage ist nicht, was wir empfehlen, sondern wie wir überzeugen können. Denn unsere Empfehlung ist in jedem Falle eine normale, vaginale Geburt. Überzeugen können wir nur mit Argumenten, deshalb findet im Vorfeld immer ein ausführliches Beratungsgespräch über Vor- und Nachteile, Risiken und Komplikationen statt. Häufig lassen sich im Laufe des Gespräches die Frauen dann doch von einer normalen Entbindung überzeugen.


Wenn Angst vor Schmerzen ein Motiv für den Wunsch-Kaiserschnitt ist - welche Alternativen für eine schmerzarme Geburt gibt es?


Diese Angst als Grund habe ich bereits angesprochen. Angst vor starken Schmerzen unter der Geburt braucht heute keine Frau mehr zu haben. Es gibt verschiedene Möglichkeiten einer schmerzarmen Geburt. Diese erstrecken sich über homöopathische Mittel, Massagen, Akupunktur, Entspannungsübungen, Schmerzmedikamente bis hin zur Peridural-Anästhesie. In unserem Kreißsaal stehen all diese Möglichkeiten rund um die Uhr zur Verfügung. Allerdings muss man sagen, dass es eine schmerzlose Geburt nicht gibt. Auch ein Kaiserschnitt ist mit Schmerzen nach der Geburt verbunden. Abschließend kann gesagt werden, dass moderne Geburtsmedizin heute sehr viel individualisierter durchgeführt wird als noch vor 10 bis 20 Jahren und für jede Frau eine Atmosphäre geschaffen wird, die den Geburtsvorgang zum Erlebnis macht. Wichtigstes Ziel bleibt natürlich die Unversehrtheit von Mutter und Kind. Daran sollten sich Ärzte und Mütter orientieren.

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Heiko Leske.