"Zeit kostet Gehirn"

Pressemitteilung vom 21.04.2009
Stroke-Unit am UKL erhält als erste Spezialstation Deutschlands Zertifikat nach neuen Zertifizierungsstandards

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute, denn: Jeder Schlaganfall ist ein Notfall! Beste Akutversorgung bietet die Stroke Unit des Universitätsklinikums Leipzig (UKL). Sie ist jetzt als erste Schlaganfall-Spezialstation Deutschlands - und auch als einzige mit 12 Betten - nach einem neuen Verfahren geprüft und zertifiziert worden. Um bei der Akutversorgung von Schlaganfällen künftig noch höhere Qualitätsstandards zu gewährleisten, hatten die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe kürzlich ein neues Zertifizierungsverfahren eingeführt.

„Dieses Zertifikat, das uns die InterCert Zertifizierungsgesellschaft ausgestellt hat, ist nicht nur ein Blatt Papier. Dahinter steht, dass nicht nur zehn Ärzte und 40 Schwestern für die Patienten da sind, sondern auch Logopäden, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter, Neuropsychologen", erklärt Prof. Dr. Dietmar Schneider, Neurologe und Internist an der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätsklinikums Leipzig und Leiter der Stroke Unit. Darüber hinaus sei rund um die Uhr auch die besondere Expertise über die akute Schlaganfallbehandlung gegeben und durch die Zentrale Notaufnahme und die Neuroradiologie die dafür erforderliche Logistik bereitgestellt, so dass die Patienten schnell und kompetent versorgt werden können. „Wie jeder wissen sollte, aber leider immer wieder vergessen wird, ist jeder akute Schlaganfall ein Notfall. Und bei jedem Notfall kommt es ja auf äußerst zügiges und präzises Handeln an", ergänzt Prof. Schneider.

Warum ist beim Schlaganfall so viel Eile geboten?

„Weil Zeit Gehirn kostet", sagt Schlaganfall-Experte Schneider. Jede Minute, in der nichts gemacht wird, kostet den Patienten Hirnzellen. In jeder Minute nach dem Schlaganfall sterben 1,9 Millionen Nervenzellen, 14 Milliarden Synapsen und 12 Kilometer Nervenfasern ab. Insgesamt ‚altert' der betroffene Hirnteil des Patienten pro Minute um drei Wochen. Prof. Schneider: „Wir haben damit ein sehr enges Zeitfenster, um Hirngewebe zu retten. Deshalb muss schnell geklärt werden, was passiert ist, ob eine Hirnblutung die Ursache der Symptome ist, oder ob ein Gerinnsel Blutbahnen verstopft. Es wird also schnellstens eine Bildgebung des Gehirns (Computertomographie CT oder Magnetresonanztomographie MRT) angefertigt, um festzustellen, was die Ursache ist. Und dann muss entweder der Verschluss geöffnet oder die Blutung gestoppt werden. Beim Verschluss, dem ischämischen Schlaganfall, wird versucht, das Gefäß mit Medikamenten wieder durchgängig zu machen. Das ist die Lysetherapie. Bei einer Hirnblutung muss die Blutung gestoppt und, falls die Blutung groß ist und das Gehirn zu erdrücken droht, das Blut entfernt werden. Wie gesagt: Zeit ist Gehirn."

Beste Voraussetzungen für die Akutversorgung im neuen Zentrum für Konservative Medizin

Mit dem Einzug in das neue Zentrum für Konservative am Medizincampus in der Liebigstraße kann die Stroke Unit diesen hohen Anforderungen künftig noch besser entsprechen. „Wir sind jetzt genau an der Stelle, wo die gesamte Medizin stattfindet. Vorher war die Stroke Unit zwar auch nach den modernsten Maßstäben aufgebaut, nur mussten die Patienten immer durch den Park transportiert werden. Jetzt sind ganz in der Nähe der Notfallaufnahme, in der unsere Patienten ja zuerst ankommen. Gut ist auch, dass im neuen Gebäude die nichtoperative Intensivmedizin auf einem Korridor zu Hause ist. Gleich nebenan befinden sich die Epilepsieüberwachung und vor allem die neurologische Funktionsdiagnostik, auf der anderen Korridorseite die internistische Intensivmedizin mit Herzultraschall und Herzkatheter", schwärmt Prof. Schneider.

Neue Methoden der Schlaganfallbehandlung

Klinisch arbeitet das Team um Prof. Schneider derzeit vor allem an zwei neuen Methoden, mit denen die Prognose nach einem Schlaganfall verbessert werden könnte. Große Hoffnungen setze man etwa auf den so genannten Nah-Infrarotlaser. „Dieser ist für Patienten mit ischämischem Schlaganfall gedacht, die zeitlich nicht mehr für eine Lysetherapie in Frage kommen. Dazu wird der Kopf des Patienten vollständig rasiert. Dann bekommt er eine Art Badekappe mit 20 Löchern aufgesetzt, durch die abwechselnd Infrarot-Laserlicht aufs Gehirn gestrahlt wird. Hintergrund ist, dass wir dadurch die Hirndurchblutung verbessern wollen. Denn: Wird das Gehirn nicht durchblutet, stirbt es Stück für Stück ab", erklärt Prof. Schneider.

Die zweite neue Methode ist die so genannte Gaumenstimulation. Dabei wird eine winzige Elektrode in Lokalanästhesie in die Nähe eines bestimmten Nervengeflechtes im Gaumen entweder rechts oder links in Höhe der Backenzähne implantiert. Durch eine elektrische Stimulation erweitern sich die Blutgefäße der jeweiligen Gehirnhälfte und verbessern damit die Durchblutung. Das Verfahren wird im Moment bis zu 24 Stunden nach dem ischämischen Ereignis angewendet. „Die Gaumenstimulation könnte künftig eine Therapieoption sein, z.B. als zusätzliche Behandlungskomponente nach der Lysetherapie oder wenn die Lyse nicht mehr in Frage kommt. Hier laufen derzeit Studien, bei denen die Patienten über eine Woche täglich eine dreistündige Behandlung erhalten", so Prof. Schneider.

In Deutschland erleiden bis zu 200.000 Menschen pro Jahr einen Schlaganfall. In der Stroke Unit des Universitätsklinikums Leipzig werden jährlich etwa 900 Patienten behandelt.

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Heiko Leske.