Universitätsklinikum Leipzig sieht sich bestens für den Wettbewerb im Gesundheitswesen gerüstet

Pressemitteilung vom 01.07.2004
Ausgeglichenes Jahresergebnis 2003 trotz Verzichts auf 17,5 Mio. Euro Landeszuschüsse - Bis 2008 werden rund 195 Mio. Euro am Standort investiert - Vorstand will Marktchancen nutzen und einen ''Akademischen Gesundheitskonzern'' aufbauen.
Zeit 01. Juli 2004 bis 10. Juli 2004

Leipzig - Plus 52.000 Euro - so lautet das Ergebnis aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit des Universitätsklinikums Leipzig im Geschäftsjahr 2003. Auf dem ersten Blick nicht sehr spektakulär. Dennoch ist der kaufmännische Vorstand des Universitätsklinikums, Dr. Elmar Keller, stolz auf dieses Ergebnis: ''Wir haben 2003 als erstes und einziges Universitätsklinikum Deutschlands auf den üblichen Zuschuss des Landes für Mehrausgaben, die uns durch Forschung und Lehre entstehen, verzichtet. Das sind immerhin 17,528 Mio. Euro. Und trotz dieses Verzichts haben wir als eines von wenigen deutschen Krankenhäusern überhaupt ein ausgeglichenes Ergebnis erreicht. Das wiegt angesichts der derzeitigen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen, die von einem tief greifenden Strukturwandel gekennzeichnet sind, besonders schwer.''


Den wirtschaftlichen Umschwung von minus 13 Mio. Euro im Jahr 2000 (inkl. Landeszuschuss in Höhe von 17,9 Mio. Euro) auf plus 52.000 Euro im Jahr 2003 (ohne Landeszuschuss) schaffte das Universitätsklinikum Dank umfangreicher Strukturmaßnahmen in diesen Jahren. Laut Keller habe man alle Strukturen und Prozesse bis ins kleinste Detail analysiert und verändert. Dabei seien bis heute 30 Mio. Euro an Kosten eingespart worden. Der Vorstand geht allerdings davon aus, dass am Klinikum immer noch rund 10 % Kostensenkungspotenziale gehoben werden können.


Als konkrete Beispiele für Strukturanpassungen nannte Keller die Schaffung eines zentralen Großraumlabors, durch das mehr als 15 kleinere Labore geschlossen werden konnten, die Senkung der Abfallkosten um mehr als 50 % in nur drei Jahren durch ein neues Abfallwirtschaftskonzept, die Senkung des im Lager gebundenen Kapitals durch eine neue Beschaffungslogistik und ein neues Vertragsmanagement.


Auch beim Personal musste das Klinikum Einschnitte vornehmen. In den Jahren 2001 bis 2003 wurden am Universitätsklinikum Leipzig und der Medizinischen Fakultät rund 300 Stellen abgebaut. Allein am Universitätsklinikum sind das rund 9 % weniger Stellen. Aus Sicht des Vorstands gab und gibt es zum Personalabbau aber keine Alternativen: ''In keiner anderen Branche ist der Mitarbeiter so wichtig wie in einem Krankenhaus'', betonte Keller. ''Dadurch sind die Personalkosten aber auch der größte Kostenblock. Der hohe Konsolidierungsdruck im Gesundheitswesen macht deshalb auch vor den Personalkosten nicht Halt.'' Allerdings habe man - gemeinsam mit dem Personalrat - alle Möglichkeiten ausgenutzt, den Personalabbau so sozial verträglich wie nur irgend möglich zu vollziehen.


Seit 1.1.2003 ist das Klinikum nicht mehr an den BAT gebunden, sondern schließt Arbeitsverträge auf der Basis so genannter ''Allgemeiner Vertragsbedingungen'' ab. Dadurch sei man in der Lage, marktübliche Gehälter zu vereinbaren, die - je nach Berufsgruppe - über oder auch unter dem Niveau des BAT lägen. Viel wichtiger sei dem Vorstand aber der Umstand, dass man mit gezielten Leistungsanreizen im neuen Vergütungssystem die leistungshemmenden Mechanismen des BAT überwinden könne. ''Wenn der Mitarbeiter am wirtschaftlichen Erfolg seines Arbeitgebers beteiligt wird, ist er auch selbst am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens interessiert'', ist sich der Vorstand sicher.


Ein weiterer großer Schritt war der Austritt des Universitätsklinikums Leipzig aus der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL). Über diese sicherte das Klinikum bis zum Austritt am 31.12.2002 die betriebliche Zusatzversorgung der Mitarbeiter. Der Vorstand sah in dem umlagefinanzierten System der VBL allerdings ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Die VBL kassiere Beiträge in Höhe von derzeit etwa 1 % des Bruttoentgelts, gebe aber Versorgungszusagen, die in einem kapitalgedeckten System Beiträge in Höhe von etwa 6 % des Bruttoentgelts ausmachten. Ähnlich der VBL im Versorgungsgebiet West, in die man inzwischen mehr als 9 % des Bruttoentgelts als Beiträge einzahlen müsste und die darüber hinaus noch Sanierungsaufwendungen benötige, wachse auch die Deckungslücke in der VBL Ost. Für die Arbeitgeber bedeute diese Deckungslücke höhere und vor allem nicht kalkulierbare Personalnebenkosten und für die Mitarbeiter seien die Versorgungszusagen nicht garantiert. Bestätigt sieht sich der Vorstand durch die Entwicklung im Kommunalen Versorgungsverband Sachsen, der im vergangenen Jahr seine Beiträge gleich um 4 % erhöhte. Als Konsequenz sei man aus der VBL ausgetreten und habe ein kapitalgedecktes System der betrieblichen Altersversorgung aufgebaut. Dadurch entstanden dem Klinikum im Jahr 2003 Mehrkosten in Höhe von 3,7 Mio. Euro. Außerdem wurden Rückstellungen zur Sicherung der in der VBL erworbenen Anwartansprüche von insgesamt 15,3 Mio. Euro gebildet. Die Planungssicherheit für Klinikum und Mitarbeiter, wiege diese Mehrkosten aber auf, so Keller.


''All diese zum Teil schmerzhaften und auch unpopulären, für das Überleben des Klinikums aber unerlässlichen Maßnahmen waren nur möglich, weil die Staatsregierung, allen voran der damalige Finanzminister, Prof. Milbradt, 1999 ein sehr fortschrittliches Gesetz erlassen hat: das Sächsische Hochschulmedizingesetz'', betonte Dr. Keller. ''Dieses Gesetz, mit dem die Gründung der beiden sächsischen Universitätsklinika als Anstalten öffentlichen Rechts beschlossen wurde, hat entscheidend die Weichen für diese Entwicklung gestellt. Nur dadurch war es uns möglich, die wirtschaftliche Konsolidierung in diesem Umfang einzuleiten. Deshalb ist unser Erfolg auch ein Erfolg der sächsischen Staatsregierung.'' Der Freistaat sei mit drei Ministern im Aufsichtsrat vertreten und habe in den vergangenen Jahren die Arbeit des Vorstands konstruktiv begleitet und ihm den Rücken gestärkt. Nun habe man gemeinsam eine Basis erarbeitet, auf der man mit neuen Konzepten die Zukunft des Klinikums gestalten könne - eine Zukunft, in der man wirtschaftlich eigenständig sei und den Freistaat - und damit den Steuerzahler - von der Subventionszahlung entlasten könne.


Zufrieden zeigte sich der Vorstand mit der Leistungsentwicklung: ''Wir konnten sowohl die stationären Leistungen als auch die ambulanten Leistungen im Vergleich zum Vorjahr steigern. Im ambulanten Bereich erbrachten wir 20 % mehr Leistungen, als mit den Krankenkassen vereinbart. Im stationären Bereich steigerten wir die Fallzahlen um 1,7 %. Diese positive Entwicklung reichte aber nicht aus, um die auf Grund der Marktbedingungen niedrigeren Erlöse pro Fall zu kompensieren. Das mit den Krankenkassen vereinbarte Budget konnte deshalb im Jahr 2003 nicht voll ausgeschöpft werden.''


Seit Dezember rechnet das Klinikum nach DRG ab. Dadurch konnte die vom Gesetzgeber vorgesehene Budgeterhöhung von 2,09 % mit den Krankenkassen vereinbart werden. Das Klinikum erzielt ca. 88 % seiner Einnahmen aus Erlösen aus der stationären und ambulanten Krankenversorgung.


Prof. Norbert Krüger, Medizinischer Vorstand des Klinikums, wies darauf hin, dass das Klinikum auch in weiteren Bereichen erfolgreich neue Wege beschreitet. Seit Januar 2004 setze man Dienstpläne bei den Ärzten um, die dem neuen Arbeitszeitgesetz entsprächen. ''Wir haben etwa vier Monate gebraucht, um das erst Ende Dezember 2003 endgültig beschlossene Gesetz bei uns umzusetzen. Das haben wir jetzt geschafft und arbeiten in allen 28 Kliniken nach Dienstplänen, die gesetzeskonform sind. Das bestätigte uns erst vor wenigen Tagen das Gewerbeaufsichtsamt.'' Geschafft habe man diesen Kraftakt, weil man schon frühzeitig eine Projektgruppe damit beauftragt habe, dieses Problem zu lösen. ''Es war doch klar, dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofes so und nicht anders ausfallen würde'', erklärte Krüger. ''Im Interesse der Mitarbeiter, aber auch im Interesse der Patienten war doch gar keine andere Entscheidung möglich. Deshalb haben wir nicht gewartet, sondern gehandelt. Wir haben Dienste neu organisiert, bestimmte Dienste abgeschafft, den Ärzten die Möglichkeit geschaffen, auf freiwilliger und einzelvertraglicher Basis 48 Stunden in der Woche zu arbeiten. In einigen Kliniken haben wir auch zusätzliche Arztstellen geschaffen.'' Da man das bisher für Bereitschaftsdienste benötigte Geld für das neue Arbeitszeitmodell nutzen könne, sei die Umsetzung weitestgehend kostenneutral möglich. ''Es gibt nicht viele große Kliniken, die das Arbeitszeitgesetz umsetzen. Wir sind froh, dass wir diese Herausforderung schon gemeistert haben.''


Krüger verwies auf strukturelle Veränderungen, die die Arbeit der Mediziner verändern, Kosten senken und eine erhebliche Qualitätsverbesserung für die Patienten bedeuten. Seit einigen Wochen arbeite z. B. im Operativen Zentrum die ''multidisziplinäre Intensivstation''. Die Innere Medizin und alle chirurgischen Fächer sind in diese 58 Betten-Station integriert. ''Es ist klar, dass die Patienten davon profitieren, dass die Intensivmediziner aller Fachrichtungen gemeinsam auf der Station tätig sind. Bisher ist in Deutschland eine Trennung der Fächer üblich. Das Klinikum profitiert, weil die Prozess und Logistikkosten erheblich sinken'', erläuterte der Mediziner.


Ein weiteres Beispiel seien die Tumorboards, die in Leipzig besonders gut funktionierten. In den Boards treffen sich regelmäßig Mediziner verschiedener Fachrichtungen, um die Diagnosen und die Therapiestrategie bei Tumorpatienten gemeinsam zu beraten bzw. festzulegen. ''Durch dieses Verfahren stellen wir sicher, dass für den Patienten immer die bestmögliche Therapievariante gefunden wird. Inzwischen wird ein Großteil der Tumoren in den Boards besprochen. Ganz neu ist ein Adhoc-Board, das innerhalb von 24 Stunden einberufen werden kann.

Alle Tumorboards stehen übrigens auch niedergelassenen Ärzten offen, die dort ihre Patienten vorstellen können.''


Große Pläne hat das Universitätsklinikum Leipzig für die Zukunft. Der Gesetzgeber habe mit der Einführung der DRGs und des Gesundheitssystemmodernisierungsgesetzes die Voraussetzungen für mehr Transparenz im Gesundheitswesen und die Deregulierung des Marktes geschaffen. Natürlich berge diese Entwicklung nicht unerhebliche Risiken für die einzelnen Marktteilnehmer und somit auch für die Krankenhäuser. Allein die DRGs würden in den nächsten Jahren zu Überkapazitäten im stationären Bereich von 30 % führen. Hinzu komme die Substitution von stationären Leistungen durch ambulante Leistungen. 2005 sei die Absenkung des Basisfallwerts um 15 % zu verkraften. All das stelle die Krankenhäuser vor erhebliche Probleme. Dennoch solle man auch die Chancen nicht übersehen, die dieser Strukturwandel mit sich bringe, mahnte Keller. Das Universitätsklinikum sei jedenfalls bereit, neue Konzepte umzusetzen.


Laut Keller will das Klinikum in den kommenden Monaten ambulante Versorgungsstrukturen aus- und aufbauen und ein Konzept zur integrierten Versorgung umsetzen. Dieses sieht im Kern vor, dass das Klinikum lokal mit niedergelassenen Ärzten kooperiert und überregional expandiert. Dies soll durch die Übernahme von Arztpraxen und Krankenhäusern in Regionen geschehen, in denen schon heute ein Ärztemangel herrscht. Mit den im eigenen Haus gesammelten Erfahrungen sollen die Einrichtungen wirtschaftlich saniert werden. Leer stehende Praxen sollen zu akademischen Lehrpraxen werden, in denen junge Ärzte an der Seite erfahrener Kollegen praktische Erfahrungen sammeln. ''Der Vorteil an diesem Konzept ist, dass die Ärzte nicht allein gelassen werden, sondern das Knowhow, die Technik und die Logistik des Universitätsklinikums hinter sich haben'', erklärte Keller das Konzept. ''Der Patient wird in diesem Netzwerk ganzheitlich betreut - von der ambulanten Versorgung über die stationäre Versorgung bis hin zur Rehabilitation. Das wird einen Qualitätssprung mit sich bringen und den Krankenkassen viel Geld sparen.''


Für die Anschlussheilbehandlung und die Frührehabilitation will das Klinikum die Gebäude der derzeitigen Orthopädischen Klinik und der Frauenklinik nutzen. Diese Außenstandorte werden spätestens mit der Inbetriebnahme der geplanten Neubauten am Kernstandort Liebigstraße nicht mehr für den Klinikbetrieb genutzt. Die Gelder, die bisher in die Sanierung der Gebäude geflossen sind, seien aber dennoch gut investiert gewesen, so Keller. Die beiden Gebäude eignen sich geradezu hervorragend für das neue Konzept.


Während für die Orthopädische Klinik der Umzug in das Operative Zentrum schon in einigen Monaten anstehen könnte, wird die Frauenklinik erst 2007 in das dann neu errichtete Frauen-und-Kind-Zentrum einziehen. Rund 195 Mio. Euro investieren der Bund, der Freistaat und das Klinikum in den Neubau dieses und des Konservativen Zentrums. 2008 - nach Fertigstellung der Gebäude - werden dann 23 der 28 Kliniken des Universitätsklinikums in diesem hoch modernen Komplex untergebracht sein. Die Bauanträge für die Neubauten werden noch im Juli 2004 zur Genehmigung eingereicht.


Konkret beschlossen ist dagegen der Umzug der HNO-Klinik in das Gebäude der Augenklinik. Prof. Krüger erklärte die Hintergründe: ''In der Augenklinik können seit Januar viele Leistungen nur noch ambulant erbracht werden. Deshalb stehen Betten leer. OP-Kapazitäten sind genügend vorhanden. Da im Gebäude auch die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und das Zentrum für Zahlheilkunde tätig sind, können wir viele Synergien nutzen. Durch den Einzug der HNO entsteht ein 'Kopfzentrum' - also ein Zentrum für nahezu alle Erkrankungen des Kopf- und Halsbereichs.''


Der Vorstand ist optimistisch, dass das Universitätsklinikum Leipzig gestärkt aus dem Strukturwandel im Gesundheitssektor hervorgeht. ''Wir haben unsere Kosten im Griff, bringen sehr gute Leistungen und haben innovative Konzepte. Wir können auf engagierte Mitarbeiter bauen, haben den Aufsichtsrat hinter uns und starke Partner an unserer Seite. Jetzt kommt es nur noch darauf an, nicht nachzulassen und konsequent nach vorn zu schauen'', resümierte Dr. Keller. ''Schon ein chinesisches Sprichwort sagt: 'Ein Weg entsteht, indem man ihn geht.'''


Geschäftsbericht (PDF, 1.22 MB)

Diese Pressemitteilung wurde erstellt von Heiko Leske.