Fachartikel des Monats

Anästhesie und Intensivtherapie bei Patienten mit morbider Adipositas und zur Adipositaschirurgie ‑ Eine interdisziplinäre Herausforderung

Infolge der Adipositasepidemie in den entwickelten Ländern der Welt hat die bariatrische Chirurgie in jüngerer Zeit einen erheblichen Aufschwung genommen. Bei der Behandlung der Adipositas scheint es mittlerweile klar zu sein, dass ein nachhaltiger Gewichtsverlust in der Mehrzahl der Fälle von morbider Adipositas nur durch eine operative bariatrische Intervention erreichbar ist. Die Entwicklung minimal-invasiver operativer Techniken, die heute in Zentren Standard sind, führte zu einer deutlichen Verringerung chirurgischer Komplikationen. Diese technisch-operativen Fortschritte und die Erwartungshaltung der Patienten lassen vermuten, dass die Adipositaschirurgie auch in Deutschland ein fester Bestandteil des anästhesiologischen Alltags werden wird. So zählen bariatrische Eingriffe in den USA schon heute zu den am häufigsten durchgeführten viszeralchirurgischen Operationen.

Hinsichtlich präoperativer Vorbereitung und Anästhesie adipöser Patienten gelten besondere pathophysiologische Überlegungen. Veränderte Organfunktionen sind für adipöse Patienten aller Altersklassen charakteristisch und können die operative Ergebnisqualität entscheidend beeinflussen. Adipositas stellt jedoch per se keinen negativen Prognosefaktor für das operative Ergebnis dar und trotz relevanter Begleiterkrankungen war in einer aktuellen Längsschnittuntersuchung das perioperative Risiko bariatrischer Eingriffen vertretbar niedrig. Die elektive minimal-invasive bariatrische Chirurgie stellt damit ein Verfahren mit geringem Risiko dar. Sofern Komplikationen auftreten, finden sich diese meist in der Gruppe der Patienten mit dem höchsten Body-Mass-Index (BMI >60 kg/m2). Ein noch höheres Komplikationsrisiko tragen demgegenüber kachektische Patienten. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, bei der präoperativen Vorbereitung den Patienten mit Gewichtsextremen besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Versorgung adipöser und morbid-adipöser Patienten – sei es zu bariatrischer oder nicht-bariatrischer Chirurgie – kann bei adäquater präoperativer Vorbereitung sowie zielgerichtetem intra- und postoperativen Management zu vergleichbar guten Behandlungsergebnissen führen wie die operative Versorgung Normalgewichtiger.

Dieser Übersichtsbeitrag beschreibt die pathophysiologischen Besonderheiten sowie Risikoprofile bei Patienten mit Adipositas. Es werden die relevanten Faktoren zur bestmöglichen interdisziplinären Versorgung adipöser Patienten vor, während und nach einem operativen Eingriff inklusive einer eventuell notwendigen Intensivtherapie dargestellt.

Obesity in anesthesia and intensive care.

Huschak G, Busch T, Kaisers UX.

Department of Anesthesiology and Intensive Care Medicine, University of Leipzig, Medical Faculty, Leipzig, Germany.

Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. 2013 Apr;27(2):247-60.

Abstract
Obesity is a global epidemic increasingly affecting management of anesthesia as well as intensive care medicine. Possible improvements in therapy require consideration of the specific pathophysiology of the obese, their concomitant diseases, and the complications associated with morbid obesity. Systematic assessment of perioperative risk factors is essential for an appropriate management. Paradoxically, overweight and moderately obese patients undergoing surgery have a lower risk when compared to patients with normal weight. The highest mortality and morbidity rates in this setting are reported for underweight and morbidly obese patients. The better chance of survival when compared to normal-weight individuals in the perioperative setting has been described the obesity paradox. In particular, the commitment of all involved physicians to improve all aspects of care will reduce the perioperative risk in obese patients. Physiological and pharmacological characteristics of the obese should also be considered. Furthermore, adequate technical equipment and practical skills of all members of the anesthesia team significantly contribute to risk reduction and therapeutic success in obese patients.